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Yui Kawaguchi – MatchAtria extended Version (März 2015)

April 3, 2015

Höchste Zeit ein paar Berichte von Aufführungen nachzureichen. Den Anfang macht aus unterschiedlichen Gründen Yui Kawaguchis „MatchAtria – extended Version“, das vor einigen Wochen in den Sophiensälen aufgeführt wurde. Der Titel bezieht sich, wie sich vielleicht rumgesprochen hat, auf die japanische Teezeremonie (Matcha) und die Herzkammer (Atrium oder so ähnlich), beides bezieht sich auf einen Raum, auch wenn beide Räume sehr unterschiedlich sind. Ich fange mal mit dem Ritualraum der japanischen Teezeremonie an.
In einer möglichst allgemeinen Definition könnte man wohl sagen, dass ein Ritual ein vorgegebener Handlungsablauf nach bestimmten Regeln ist, der Zweck des Rituals ist es entweder, etwas zu ermöglichen, oder etwas zu verhindern, also um Beispiel: gute Ernte möglich machen, Krankheiten verhindern und so weiter. Jeder kennt Rituale aus einem religiösen Kontext, sagen wir das christliche Ritual der Taufe dient dazu, einerseits zu verhindern, dass ein Mensch im Fall des Todes in der Hölle schmort und ermöglichst gleichzeitig die Aufnahme des Täuflings in die Gemeinschaft der Gläubigen.
Während die erste Funktion – verhindern einer Strafe für eine eher esoterische Verfehlung – eine Glaubensfrage ist, ist die zweite Funktion etwas, was vermutlich allen Ritualen zu eigen ist. Man verbindet sich mit einer Gemeinschaft oder Tradition. Jemand, der einem sehr alten Ritual beiwohnt, verbindet sich mit Generationen von Menschen, die genau die gleichen Handlungen an ähnlichen Orten ausgeführt haben, jemand der ein privates Ritual ausführt, wie z.B. nach dem Ende einer Beziehung an einem bestimmten Tag in ein bestimmtes Café zu gehen und dort das Getränk zu bestellen, dass er oder sie beim ersten Treffen mit dem oder der Verflossenen bestellt hat, verbindet sich mit eben jener vergangenen Beziehung. Diese Verbindung mit einem Teil der eigenen Geschichte, sei sie persönlich oder kollektiv, hat einfach gesagt immer eine identitätsstiftende Funktion, die abseits jeder Zweckgebundenheit des Rituals gilt.
Ich bin nicht sicher, ob es notwendiger Teil eines Rituals ist, dass es durch Merkmale angereichert ist, die für die pure Ausführung einer Handlung eigentlich nicht erforderlich sind. Falls das ein Merkmal sein sollte, findet man zahlreiche rituelle Elemente in diversenen Alltagshandlungen. Für viele Zuschauer hat in der Beziehung beispielsweise ein Theaterbesuch rituelle Elemente, wie beispielsweise das Anlegen feierlicher Kleidung. In Berlin ist es beispielsweise so, dass man, je nachdem welches Theater man besucht, durch eine bestimmte Garderobe die Zugehörigkeit zur gegebenen Zuschauergruppe signalisieren kann. Im Staatsballett trägt man normalerweise andere Kleidung als in der freien Szene (sagen wir Radialsystem oder Sophiensäle), wo man wieder andere Kleidung trägt als in der alternativen Szene usw. Man könnte an dem Punkt weiter untersuchen, inwieweit es sich bei einem Theaterbesuch um ein Ritual handelt oder einfach nur eine Tätigkeit, die bestimmte rituelle Elemente hat.
Gelegentlich hat man aus der Ferne den Eindruck, dass die japanische Kultur eine größere Affinität zu Ritualen hat als wir im Westen. Woran das liegt, weiß ich nicht genau, aber in der japanischen Kultur scheint es eine Neigung zu geben, nahezu alles zumindest potentiell durch einen streng vorgegebenen formalen Rahmen in ein Ritual zu verwandeln, wobei das Ritual Teil von einem spezifischen Weg zu sein scheint, was in Japan in der Regel durch die Schlusssilbe „–do“ (Weg) angedeutet wird. Im Westen kennen wir natürlich vor allem Budo, den Weg des Kriegers, was in allen gängigen japanischen Formen der Kampfkunst und diversen Samuraifilmen eine Rolle spielt, aber es gibt viele Wege, die meisten davon etwas weniger gewalttätig, von der Kalligraphie zum Blumenstecken und so weiter. Chado ist der Weg des Tees und damit verbunden ist die rituelle Zubereitung von matcha, dem japanischen Tee.
Warum diese lange Vorrede?
Nun, was die „Extended Version“ von „MatchAtria“ von Yui Kawaguchi betrifft, kommt es mir so vor, dass, im Vergleich zur Uraufführungsversion die Aufführung durch einen Teil erweitert wurde, der den rituellen Charakter der Aufführung insgesamt verstärkt. Das beginnt damit, dass die Zuschauer zunächst eine Art Vorraum betreten, in dem sie die Garderobe ablegen können oder auch nicht und dann von zwei Damen instruiert werden, wie sie sich in der kommenden Aufführung zu verhalten haben und was sie erwartet. Schließlich werden die Zuschauer in Gruppen in den eigentlichen Bühnenraum geführt, wo sie dann die nötige Ausstattung – 3D Brille und Latexherz – überreicht bekommen. In der Form ähnelt das wohl der japanischen Teezeremonie, weil japanische Teehäuser auch so aufgebaut sind, dass sich die Teilnehmer zunächst in einem Garten versammeln und dann über einen Weg „der nie gerade ist“ (wikipedia) ins Teehaus geführt werden, wo dann die eigentliche Zeremonie stattfindet. Die „eigentliche“ Zeremonie hat da natürlich längst begonnen, das heißt die Vorbereitungen gehören natürlich dazu. Soweit ich weiß, sind auch buddhistische Tempel ähnlich aufgebaut, Kirchen grob ebenfalls. Die unterschiedlichen Bereiche unterscheiden sich dabei im Grad ihrer Erhabenheit, das heißt von Raum zu Raum entfernt man sich mehr vom Alltag und tritt stattdessen in einen Ritualraum ein, in dem dann eben die Verbindung mit der durch das Ritual gemeinten Tradition stattfindet. Im Fall der Sohpiensäle: der Aufenthaltsraum vor der Aufführung, wo man plaudern und eine Bionade trinken kann, dann öffnet sich der Aufführungsraum und man betritt die Garderobe, wo man auf die Zeremonie vorbereitet wird (unter anderem auch durch das Reichen einesfeuchten Tuchs, mit dem man sich die Hände abwischt – in Klöstern ist das vermutlich der Raum, in dem man sich die Schuhe auszieht) und schließlich der Bühnenraum selbst, wobei man die Bühnenfläche naturgemäß nicht betritt, so wenig wie man während eines christlichen Gottesdienstes neben dem Pfarrer am Altar rumhampeln würde oder sich in einem Zenkloster neben den Roshi setzen, der die Meditation oder Unterweisung betreut.
Die unterschiedlichen Räume symbolisieren und befördern dabei eine Bewusstseinsveränderung oder eine Verlagerung der Konzentration beim teilnehmenden Zuschauer. Letztlich hat jeder Theaterraum diese Funktion und nahezu jeder Theatermacher ist daran interessiert auf die ein oder andere Art eine spezifische Form der Aufmerksamkeit beim Zuschauer zu erzeugen. Das geschieht durch verschiedene oft sehr einfache Mittel: wird der Zuschauerraum während der Aufführung dunkel oder bleibt er hell? Sitzen die Zuschauer frontal zur Bühne, um sie herum oder auf der Bühne selbst? Sitzen die Zuschauer auf Stühlen, können sie auf dem Boden rumlümmeln oder sind sie angehalten, zu stehen? Dürfen sie Getränke mit in den Saal nehmen oder nicht? All diese Entscheidungen beeinflussen die Art und Weise, in der der Zuschauer in eine Aufführung geht. Und je nachdem was man vom Zuschauer will – soll er aktiv an der Aufführung teilnehmen oder nur durch den Akt des Zuschauens und Zuhörens? – wird man entsprechende Entscheidungen treffen (zumindest theoretisch – in der Praxis geschieht das oft genug nicht). In der extended version von MatchAtria wird der Zuschauer nun sehr gründlich auf die Aufführung vorbereitet, in der Hoffnung, dass er dann der Aufführung mit der gewünschten Konzentration und Ernsthaftigkeit folgt.
Die Aufführung selbst unterscheidet sich, soweit ich mich erinnere, nicht wesentlich von der ersten Version. Der Hauptunterschied scheint mir darin zu bestehen, dass in der ersten Version zwei Leinwände schräg zueinander aufgestellt waren, während man hier nur eine Leinwand hat.
Thematisch geht es, das habe ich vermutlich schon über die erste Version geschrieben, um eine tänzerische Reflektion von Natur und Kultur, wenn man so will, zumindest sehe ich das Thema in der Aufführung sehr stark und durch die Betonung des rituellen oder zeremoniellen Aspekts noch mehr. Sieht man die Aufführung so, ist es zunächst bemerkenswert, dass beides nicht unbedingt im Widerspruch miteinander steht. Es gibt keine Entwicklung von der Natur hin zur Kultur, sondern beides steht eigentlich nebeneinander, was mir auch eine zeitgemäßere Betrachtung des Themas zu sein scheint, woran sich allerhand interessante Überlegungen anschließen könnten, die dann politischer oder moralischer Art wären. Ich glaube aber Yui Kawaguchi geht es eher um eine ästhetische Betrachtung und man würde etwas zu viel in die Aufführung hinein lesen, wollte man darin einen zu konkreten Kommentar zur aktuellen Situation der Menschheit im allgemeinen sehen. Im Tanz jedenfalls kommt beides gut miteinander aus und das eine kann ohne das andere eigentlich nicht sein, wenn man, sagen wir, den Körper als Ausdruck der Natur sieht und gedankliche Prozesse und die Zähmung des Körpers, zum Beispiel in der japanischen Teezeremonie, aber auch in den meisten Formen von Bühnentanz, als Ausdruck der Kultur. Betrachtet man an dem Punkt die räumliche Komponente, mag man gewissen Parallelen zwischen „geistlichen“ Räumen, Klöstern, Kirchen, Teehäusern, und der Herzkammer sehen, da es auch hier eine Art Peripherie gibt, der Versammlungsraum, in dem Informationen ausgetauscht werden, und dann im Herzen selbst die titelgebenden Kammern, in denen die biologischen Prozesse konzentrierter werden. Vielleicht führt der Vergleich aber ein bisschen zu weit.
So oder so, war es ein lohnender Abend und dabei belasse ich es zunächst einmal. Allerdings mache ich mir eine kleine geistige Notitz, dass die Form des Rituals möglicherweise auch für die Betrachtung einiger anderer Aufführungen, über die ich nicht berichtet habe, weil mir kein sinnvoller Einstiegspunkt eingefallen ist, hilfreich sein kann. Letztlich spielt das Thema ja in jeder Form von Theater und in vielen Bereichen des täglichen Lebens eine gewisse Rolle.

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