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Staatsballett Berlin – Dornröschen – Pavlova/Kaniskin Version

April 6, 2015

Eigentlich habe ich mich ja auf die Fachpresse verlassen, die sich ja im großen und ganzen darüber einig war, dass Nacho Duatos Dornröschen eine Enttäuschung ist, banal, unstimmig und irgendwie doof. Niedrige Erwartungshaltungen sind ja nützlich. Allerdings war ich dann doch etwas überrascht, wie gut das Stück dann im Vergleich zum Presseecho ist, mir ist tatsächlich nicht ganz klar, was es ernsthaft an Nacho Duatos Dornröschen auszusetzen gibt.

Gut, es ist Dornröschen. Die Geschichte ist eine relativ banale romantische Liebesgeschichte und es ist naheliegend das Stück so zu sehen, dass der Spindelstich, der Dornröschen in den hundertjährigen Schlaf sinken lässt, die Gute davon abhält, sich in eine unbefriedigende, arrangierte Ehe zu begeben. Viel mehr kann man aber nicht in die Geschichte legen. Im Grunde eine Art Anti-Schwanensee. Während in Schwanensee Odette relativ planvoll nach einem Typen sucht, der ihr soweit hörig ist, dass er ewige Liebe schwört und sie von ihrem Fluch befreit, ist Dornröschen per Definition eine völlig passive Figur, die sich ihrem Schicksal, wenn auch unfreiwillig, durch den berühmten Fluchtschlaf entzieht, der solange anhält, bis eben der „Richtige“ vorbei kommt, auch wenn es, wie hier, hundert Jahre dauert. Übermäßig viel Plot gibt das aber erstmal nicht her. Das Stück kann aber trotzdem ein ganz guter Ausgangspunkt sein, um über die romantische Liebe zu diskutieren, weil es vermutlich kein anderes Märchen gibt, in dem die Elemente dermaßen auf das wesentliche reduziert auftauchen. Es sei darauf hingewiesen, dass die romantisch Liebenden sich, anders als bei Romeo und Julia, nicht kennen, sondern sie durch eine schicksalhafte, von einer Fee (Sarah Mestrovic) angeleierte Begegnung zueinander finden. Die böse Fee, Carabosse (Rishat Yulbarisov) ist dabei eigentlich eine Agentin des Guten, weil sie Dornröschen (Krasina Pavlova), davon abhält, sich auf eine von den Eltern arrangierte Ehe einzulassen. Die „Botschaft“ des Stückes, wenn man so weit gehen will, neigt also zum Konservativen „Ich warte auf den Richtigen“, und darüber, inwieweit das eine erfolgreiche Beziehungsstrategie ist, kann man dann diskutieren.

Nun bin ich kein Superbalettspezialist, der tausend Ballette und fünfzig verschiedene Dornröschen Versionen gesehen hat. Mein Referenzpunkt ist wie so oft das Royal Ballet mit einem Dornröschen in der überlieferten Petipa Version mit der auch auf Video großartigen Alina Cojucaru. Aber der Reihe nach.

Der Karfreitag 2015 ist am Staatsballett Dornröschentag. Die erste Vorstellung findet um 15 Uhr statt als Familienvorstellung, die zweite als reguläre Vorstellung um 19:30 Uhr. Der Vorteil der Familienvorstellung ist, dass sie etwas preisgünstiger ist, zudem befinden sich massenhaft kleine Leute im Publikum, was deshalb gut ist, weil man problemlos von einem hinteren Sitz über sie hinwegschauen kann, aber den Nachteil hat, dass während der Vorstellung viel gewispert, gegessen, getrunken, geschnarcht und rumgealbert wird. Ich selbst bin auch nicht sicher, ob ich als sechsjähriger so locker konzentriert eine dreistündige Ballettaufführung durchgestanden hätte, dafür ist es im Zuschauerraum noch verhältnismäßig ruhig und das ist dann das Umfeld, in dem Krasina Pavlova ihr Rollendebut als Aurora feiert.

Aber bevor es um die Tänzer und die Choreographie geht, erstmal das Offensichtliche: die Aufführung sieht unglaublich gut aus. Ich rede hier einfach von Bühnenbild und Kostümen. Ich muss zugeben, dass ich diesen Aspekt einer Aufführung oft genug vernachlässige. In der freien Szene fällt es mir manchmal unangenehm auf, dass sich, meistens aus finanziellen Gründen, niemand darum kümmert, sondern die Leute in Straßenklamotten in einem leeren Raum auftreten, was manchmal gut ist, meistens aber durch einen Kostüm und Bühnenbildner hätte verbessert werden können – wie gesagt, oft genug eine Geldfrage.

Am Staatsballett ist das Licht eigentlich immer gut, das Bühnenbild und die Kostüme meistens, ich bin allerdings kein Freund der Vintage Kostüme, wie man sie in der Rekunstruktion von Nusknacker bestaunen konnte. Ich habe eine gewisse Wertschätzung für den handwerklichen Aufwand, der dahinter steckt, aber Dornröschen ist da ein ganz anderer Schnack. Für die Bühne und Kostüme ist Angelina Atlagic verantwortlich und das ist das Beste, was ich in der Beziehung bislang am Staatsballett gesehen habe, egal welche großen Namen in den Preljocaj Produktionen aufgefahren werden. Bei Dornröschen weiß jemand, was sie tut, die Bühne ist weitgreifend, atmosphärisch dicht, traditionell und zeitgemäß zugleich. Das gleiche könnte man über die Kostüme sagen. Sorgefältige Farbkombinationen, gleichzeitig mit Rücksicht darauf, dass die Kostüme tanzbar sind – im Gegensatz zu Gauthier bei Schneewittchen. Das sieht alles, sehr, sehr gut aus und wenn dann noch gut getanzt wird, ist das Bühnen und Kostümkonzept hier schon die halbe Miete.

Also zur Choreographie. Stellenweise weicht die Choreographie deutlich von Petipa ab, stellenweise wird Petipa ziemlich wörtlich übernommen, stellenweise sieht es aus wie Petipa, ist aber etwas völlig anderes, das so aussieht, weil das gleiche Bewegungsvokabular benutzt wird.

Will man Nacho Duatos Dornröschen genretechnisch einordnen, dann wird man sinnigerweise von Neoklassik sprechen. Also relativ dezent aktualisierte Klassik. Modern dance ist eigentlich nur bei den Begleitern von Carabosse zu sehen. In der Royal Ballet Version tritt Carabosse in einer Kutsche auf, die von einigen Tänzern in Rattenkostümen auf die Bühne gefahren wird. Schon allein der Umstand, dass die Begleiter Rattenköpfe tragen schränkt die tänzerischen Mittel stark ein und so bekommen die Carabosse Begleiter bei Nacho Duato tanzbare Kostüme verpasst und tanzen dann auch reichlich und durchaus virtuos und gelegentlich humorvoll. Ein bisschen hat mich das an „Oz“ erinnert, wo die böse Fee von ähnlichen Figuren begleitet wird. Böse Feen haben es vielleicht so an sich, dass sie in der Begleitung schwarzgewandeter Schergen auftreten.

Dass Carabosse von einem Mann (Neuzugang Rishat Yulbarisov) getanzt wird, ist derweil keine Neuerung, sondern war anscheinend auch in der Uraufführung so. Und nein, ich habe das nicht recherchiert, sondern nur in der Einführung, die stets eine dreiviertel Stunde vor Vorstellungsbeginn im zweiten Stock der deutschen Oper stattfindet, mitbekommen. In der Royal Ballet Version übernimmt eine Frau die Rolle und ich mag die Männervariante tendenziell lieber, auch wenn es da natürlich eine gewisse Nähe zur Travestie gibt. Rishat Yolbarisov schafft es ganz gut, diese Grenze nicht zu überschreiten, wobei sie nichtsdestotrotz in Blickweite bleibt. Anders gesagt: ob das Travestie ist oder nicht, liegt letztlich daran, wo da die Grenze für jeden einzelnen Zuschauer verläuft.

Wie auch immer, die Carabossebegleiter stellen die Besonderheit der Figur noch zusätzlich heraus, weil sie in einem anderen – nämlich einem modernen – Stil choreographiert sind. Das freilich macht Nacho Duatos Dornröschen ebensowenig zu einem modern Dance Stück, wie Patrice Barts Schwanensee Variante ein modernes Stück ist, nur weil die Königin eine kleine Modern-Einlage hat.
Denn, alles außer den Carabossebegleitern hält sich an das klassische oder neoklassische Bewegungsvokabular.

Carabosse selbst tritt dabei nur im Prolog und den ersten zwei Akten auf. Im zweiten Akt wird sie von Sarah Mestrovic als Fliederfee (oder fée des lilas) in einem ziemlich klassischen magical girl Kampf besiegt. Der Fliederfee kommt im Ballett eine recht wichtige Aufgabe zu, weil sie mehr oder weniger den Zuschauer durch das Stück führt und im Sinne des „Guten“ in die Handlung eingreift. Ich habe den Eindruck, dass die Rolle bei Nacho Duato etwas größer angelegt ist als bei Petipa, das müsste man aber nochmal genauer betrachten. Jedenfalls hat Dornröschen als Geschichte ja das Problem, dass die Titelfigur eben hundert Jahre lang schläft (Ende Akt 1) und die männliche Hauptfigur, ein Prinz (Mikhail Kaniskin), der den Namen Desiré trägt (nur mit einem „E“ sonst wäre es ein Mädchenname), erst in Akt zwei, also nachdem die Hälfte des Balletts vorbei ist, auftaucht, weil er vorher schlichtweg noch nicht geboren ist. Also kommt der Fliederfee die Aufgabe zu, den Plot einigermaßen zusammen zu halten. Sie ist dann diejenige, die den Prinzen darauf aufmerksam macht, dass hinter der berühmten Dornenhecke eine Prinzessin darauf wartet, aufgeweckt zu werden. Eine Szene die bei Nacho Duato ein wenig lapidarer abgehandelt wird als bei Petipa, die Unterschiede sind auf den ersten Blick, dass bei Petipa, wie im Ursprungsmärchen der gesamte Hofstaat um Dornröschen herum schläft, was Nacho Duato weglässt, wodurch eine etwas größere Konzentration auf das Hauptpaar gelegt wird. Die Szene läuft ungefähr so, dass Sarah Mestrovic Kaniskin zur Schlafstätte Dornröschens bringt und ihm kurz erklärt, was er jetzt zu tun hat (Prinzessin küssen), Kaniskin macht sich ans Werk, Dornröschen wacht auf, zweiter Akt zu Ende. Das ist bei Petipa im großen und ganzen auch so, außer dass hier die Erklärszene, in der die Fliederfee dem Prinzen klar macht, was er jetzt zu tun hat, etwas ausführlichen ausfällt, also der pantomimische Dialog ist grob: Fliederfee: „Da: Prinzessin! Det wär doch was für dich.“ Prinz: „Die pennt ja, damit kann ich nix anfangen.“ Fliederfee: „Mann bist du blöd! Du musst die küssen. Dann wacht die auf. (zu sich) Idiot.“ Prinz: „Ach so! Manchmal bin ich echt doof. Aber wenn das so einfach ist, dann mach ich das mal.“ Kuss, Prinzessin wacht auf, Ende Akt zwei. Ich persönlich halte es ja für weise, das wegzulassen. Zwar geht so ein bisschen Spannung flöten, aber da die Spannungsfrage eigentlich nur ist: Wird der Prinz kapieren, dass er die Schlafende küssen muss? steht unser Prinz nicht gerade als große Leuchte da. So findet bei Duato die ganze Instruktion des Prinzen auf der Vorderbühne statt und man hat dann den durchaus schönen Moment, in dem Kaniskin auf Krasina Pavolova zuschreitet und dem Fluch ein Ende bereitet.

Eine weitere Änderung gegenüber Petipa betrifft unterschiedliche Corps de Ballet Passagen. Bei Petipa wird der Walzer beispielsweise als eine Art Erntetanz aufgeführt, bei dem das Corps de Ballet Kornkränze hochhält, eine Referenz auf russische Volkstänze, die im russischen Ballett ja recht häufig sind und sicher ein interessanter Gegenstand für weitere Untersuchungen wäre. Nacho Duato ersetzt das durch eine Corps de Ballet Passage ohne Props, – was einem besser gefällt ist wohl vor allem Geschmackssache.

Es folgt der berüchtigte dritte Akt, der in der Royal Ballet treffend mit „the wedding“ betitelt ist. Der dritte Akt in Dornröschen besteht ausschließlich aus der Hochzeitsfeier, in der Paare, meistens aus anderen Märchen, als Hochzeitsgäste auftreten und je ein kleines Duett tanzen, nach dem Tanz an die Rampe treten, sich Szenenapplaus abholen und dem nächsten Paar Platz machen. Die Tänze wurden, soweit ich das sehen konnte in der Duato Version durchaus stark verändert und wenn man das mit der Petipa Version vergleicht, dann wird man da selbst sehen können, was einem jeweils besser gefällt. – ich persönlich finde beispielsweise den Tanz der zwei Katzen bei Petipa etwas witziger, das könnte man dann versuchen zu begründen und entsprechende Vergleiche bei jedem der Tänze anstellen. So oder so, tragen die Tänze inhaltlich insofern was zum Stück bei, als sie jeweils unterschiedliche Beziehungsmodelle zeigen und wenn man so will dadurch ein Blick in die Zukunft Dornröschens und des Prinzen gezeigt wird. Man kann also sehen, welche Möglichkeiten dem Paar offenstehen, wenn erstmal die erste Verliebtheit vorbei ist und die Routine einzieht.

All die Duette bereiten aber letztlich nur das letzte grand pas de deux des Hauptpaars vor. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Krasina Pavlova gut eingetanzt und sie tanzt da alles ausgesprochen souverän. Am Anfang schien es mir, dass sie gelegentlich Unsicherheiten hatte – keine Fehler, aber Unsicherheiten, die ich auf fehlende Routine zurück führen würde und die vermutlich eliminiert wären, wenn sie das Stück nach zweimal tanzt. Da aber vorher nichtsdestotrotz alles gut geklappt hat, funktioniert das grand pas de deux ganz hervorragend und wird selbstbewusst vorgetragen, Mikhail Kaniskin zeigte sich eh den ganzen Nachmittag lang in sehr guter Form und gibt sich auch im grand pas de deux keine Blöße.

Nach dem grand pas de deux wird geheiratet (die Reihenfolge im Ballett ist also umgedreht zum normalen Ablauf einer Hochzeit), wobei Duato ein sehr hübsches Schlussbild gelingt. Wie gesagt, bin ich von der Duato Dornröschen Version durchaus angetan. Es kann aufschlussreich sein, da weiterführende Vergleiche mit anderen Varianten anzustellen. Für einen ersten Eindruck soll das erstmal reichen.

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One Comment leave one →
  1. April 6, 2015 12:05 pm

    Hat dies auf Wunderwaldverlag rebloggt und kommentierte:
    Weil’s sich so gut liest und für alle, die mal einen Ballettroman schreiben wollen, wichtig zu wissen ist. Danke, Argus, für deine Rezis!

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