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Ballhaus Ost – Emma Daniel/Christoph Winkler – „La Fille“

Mai 28, 2015

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So, jetzt also das neue Stück von Christoph Winkler, das aktuell im Ballhaus Ost läuft. Die Angabe Emma Daniel/Christoph Winkler folgt dem Programmzettel, da steht das so: Von und mit: Emma Daniel, Konzept: Christoph Winkler.

Der Kontext sei kurz erzählt: Christoph Winkler befasst sich in dem Werk mit seiner Pflegetochter, die, wenn ich das richtig wiedergebe, in der Pubertät eine Depression entwickelte und sich in eine betreute Wohngruppe einweisen ließ.

Der Ausgangspunkt ist kompliziert. Zum einen liest man gelegentlich im Zusammenhang mit dem Stück von einer Psychose und man mag sich darüber streiten, was eine Psychose ist und was eine schwere Neurose. Ich bin nicht sicher, ob die Definition, die ich irgendwann mal gelernt habe, nämlich: Der Neurotiker weiß, dass etwas mit ihm nicht stimmt, der Psychotiker nicht -, wirklich korrekt ist oder hilfreich, aber natürlich ist es grundsätzlich eine gute Sache, wenn jemand, der Schwierigkeiten im Umgang mit der Welt oder sich selbst oder beidem hat, von sich aus Hilfe sucht – nach der Definition wäre der Leidensdruck des Neurotikers tendenziell größer als der des Psychotikers, der angeblich nicht weiß, was los ist und eher eine Belastung für seine Umwelt ist – andererseits, ein Schizophrener, der eindeutig Psychotiker ist, weiß in der Regel, dass er schizophren ist. Bei Gelegenheit werde ich mich also vielleicht mal nach einer besseren Definition umschauen, wobei vielleicht das Einordnen in Schubladen in dem Bereich eh nicht übermäßig hilfreich ist.

In dem Fall scheint es mir aber sinnig, kurz darüber zu reden, weil Christoph Winkler sich natürlich ethisch auf dünnes Eis begibt, wenn er ein Stück über die Erkrankung seiner Pflegetochter macht und diesen Bezug veröffentlicht. Nun halte ich Christoph Winkler für einen klugen Mann, der sich der Problematik bewusst ist, und die Pflegetochter ist wohl auch einverstanden; Emma Daniel hatte, laut Berliner Zeitung, Zugang zu den Krankenakten, was, glaube ich, ohne Zustimmung der Patientin nicht geht, und die Pflegetochter selbst will sich, ebenfalls laut Berliner Zeitung, das Stück auch anschauen.
Ich stelle das voraus, weil das die Bedenken waren, die mich umgetrieben haben, bevor ich mir das Stück angeschaut habe.

Zur Beruhigung sei gesagt, dass in dem Stück weder jemand bloß gestellt wird, noch in der Regel zu kurz greifende Ursache/Wirkung Thesen aufgestellt werden. Ein kleines Schaubild, das die Bindungsbeziehungen des Kindes darstellt (was darauf hinausläuft, dass alle Bindungen der frühen Kindheit durch den Pflegevater – in dem Fall Christoph Winkler – ersetzt wurden, wann das warum und wie passierte, erfährt man nicht und wäre eben auch eine der „meistens-zu-kurz-greifenden-Ursache/Wirkung Verbindungen“, und darum geht es wohl nicht), ist eigentlich alles, die gezeigten Fragebögen über die Geschichte des Kindes sind nicht ausgefüllt und man merkt vielleicht, dass man sie dann für sich selbst als Kind oder vielleicht für die eigenen Kinder ausfüllt, um die vielleicht an einem nagende Fragen: bin ich/ist mein Kind eigentlich normal? vielleicht von den psychiatrischen Autoritäten beantwortet zu bekommen.

Also: was ist auf der Bühne los? Emma Daniel, so viel kann man sagen, hat einen arbeitsreichen Abend, bei dem tatsächlich ziemlich viel getanzt wird. Getanzt wird teilweise klassisches Ballett – na gut, barfuß und formal eher zeitgenössisch gehalten, aber trotzdem deutlich als klassisches Ballett erkennbar. Das Ballett geht gelegentlich über in eher unbeschwerte Bewegungen, gelegentlich erinnert das an das, was man wohl „Ausdruckstanz“ nennt und Bewegungen, die aus der kindlichen Bewegungssprache kommen, was stark an „Golden Game“ von Claire Vivanne Sobottke und Tian Rotteveel erinnert.

Also fange ich mit letzterem mal an. Der Bezug zu Golden Game ist nicht so willkürlich, wie man vielleicht denken würde, weil Claire Vivianne Sobottke ja auch schon ein Solostück mit Christoph Winkler gemacht hat und weil Tian Rotteveel für die „Musikadaption“ verantwortlich ist. Die Musik selbst stammt mutmaßlich aus „La fille mal gardée“, einem sehr alten Ballett (Uraufführung: 1789) mit dem ich leider überhaupt nicht vertraut bin, das hier aber den weiteren Bezug liefert. Diesen Bezug muss jemand auseinandernehmen, der etwas davon versteht, denn ich kenne, wie gesagt, „la fille mal gardée“ (noch) nicht.

Aber Golden Game: Davon gibt es zwei Versionen. Die erste wurde bei den Tanztagen 2014 im Rahmen des damals von Peter Pleyer betreuten Coaching Projects aufgeführt und war nach meinem Dafürhalten ein Lichtblick bei den damaligen Tanztagen. Die zweite Fassung wurde bei den Tanztagen 2015 aufgeführt und später noch einmal im Dock 11, wo ich das dann gesehen habe. Der Grund, warum ich nicht darüber berichtet habe, war, dass mir die Richtung, in die das Stück fortentwickelt wurde, nicht besonders gut gefallen hat, und da ich es immer doof finde, über Sache zu schreiben, die man auf der Bühne nicht gesehen hat (aber gern gesehen hätte) statt einigermaßen konstruktiv über das, was auf der Bühne tatsächlich stattfand, ist mir nicht recht eingefallen, wie ich einen Bericht hätte angehen können. Im Vergleich zu „La fille“ scheint es mir aber vielleicht aufschlussreich, darauf zurück zu greifen.

Was in der zweiten Version von „Golden Game“ passierte, war nach meinem Dafürhalten, eine Art Verkrassung des Ausgangsmaterials, was deutlich auf Kosten des Humors ging und imho („in my humble opinion“, für Leute die mit diesen dämlichen Kürzeln nicht vertraut sind) vieles, was mir an der ersten Version gefallen hatte, zugunsten einer bedrückenderen Atmosphäre geopfert hat, in der die eingestreuten Befragungen des Publikums gelegentlich geradezu inquisitorische Züge annahmen. Der Weg selbst war natürlich legitim und möglich, aber ich wäre ihn nicht gegangen und wollte ihn auch als Zuschauer nicht gehen. Wenn man so will wurde der kindliche Wahnsinn, der in der ersten Version, auf lustige und durchaus aufschlussreiche Art Assoziationen zum „Erwachsenenwahnsinn“ erzeugt hat, tatsächlich durch die Darstellung mehr oder weniger psychotischer Zustände in eine Richtung verdeutlicht, die so vermutlich auch gewollt war, aber ich hätte mir tatsächlich eher eine Verfeinerung der Mittel gewünscht, statt eine Steigerung und Vergröberung.

Das ist eine sehr verkürzte Beschreibung der zweiten „Golden Game“ Version (um die es hier ja auch gar nicht in erster Linie geht), denn natürlich gab es auch Momente, in denen diese Verfeinerung, soll heißen: eine Überführung der entwickelten Bewegungen in Tanz, stattfand, aber mein eigentlicher Punkt ist, dass ich bei La Fille von Emma Daniel/Christoph Winkler, dann doch dachte: Ja. So würde eine Weiterführung, die ich mag, vielleicht eher aussehen.

Da Christoph Winkler mit Sicherheit mit „Golden Game“ vertraut ist, wird ihm der Bezug klar gewesen sein, und da die Bewegungsvarianten von „Golden Game“ eigentlich, wenn es darum geht, Kindlichkeit in Form von Tanz und Mimik zu beschreiben ziemlich auf den Punkt sind, ist es auch naheliegend und gut, das zu übernehmen. Letztlich wird eine Weiterführung im zeitgenössischen Tanz schneller von Statten gehen, wenn sich die Protagonisten auf interessante Arbeiten ihrer Mitstreiter beziehen.

Und so haben wir es in den „kindlichen“ Passagen von Emma Daniel oft mit Körperhaltungen, Gesichtsausdrücken und Blicken zu tun, die man auch damals bei Claire Vivianne Sobottke sehen konnte. Das Signal ist hier klar und völlig unmissverständlich, dass wir es mit einem Kind zu tun haben und das eigentlich Tolle am weiter verwendeten Ausgangsmaterial ist, dass man sich sofort damit identifizieren kann. Wenn man Emma Daniel als Kind oder Frühpubertierende sieht, die heimlich eine Zigarette raucht, so kann man kaum umhin, sich darin selbst zu erkennen.

Zumindest geht das mir so, wobei ich allerdings auch nicht ernsthaft behaupten kann, ein verhaltensunauffälliges Kind gewesen zu sein, um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern. Eine der besten Stellen des Stücks ist, wenn Emma Daniel in einem Zustand von geradezu dämonischer Besessenheit – oder sagen wir Keuchhusten – vom heiseren Atem auf der Bühne hin und hergeworfen wird, was sofort Assoziationen einer zu engen Welt erweckt, gegen die man sich nicht wehren kann und man wartet eigentlich nur darauf, dass sie lindablairmäßig grüne Erbsensuppe erbricht und „deine Mutter f***t Jesus in der Hölle“ krächzt, um mal eine der einprägsameren Dialogzeilen aus „der Exorzist“ zu zitieren.

Aber: derartige Zustände sind für ein Kind normal. Und ich nehme mal an, dass der Exorzist als Film so erfolgreich war, weil die dämonische Besessenheit tatsächlich eine übersteigerte, also auf den Punkt gebrachte, Darstellung des normalen Verhaltens eines wütenden Kindes war (ich nehme an, auf den Gedanken sind sicher schon andere gekommen, habe aber gerade die Zitate nicht zur Hand).
Wie schon in Golden Game ziemlich überzeugend vorgeführt wurde, sind kindliche Emotionen, egal ob es sich um Freude, Begeisterung oder um Frustration und Hass handelt, absolut. Im erwachsenen Alter lernt man diese Zustände irgendwie zu kompensieren, statt sie auszudrücken (und Fritz Perls würde wohl sagen, dass dadurch Neurosen erst zustande kommen – ich hoffe, ich lehne mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster).

Nun würde es gut klingen, zu sagen, das klassische Ballett würde die Bewegungssprache, die aus Golden Game weiter entwickelt wurde, kontrastieren, überraschenderweise ist das aber mitnichten der Fall. Die „klassischen“ Formen, die gezeigt werden, passen zu den kindlichen… nun, nicht wie die Faust aufs Auge, eher wie ein Schmetterling in einen Frühlingssturm oder was auch immer für eine Metapher man sich ausdenken will.
Ich weiß gar nicht mehr so recht, was an klassischem Material gezeigt wird, wahrscheinlich hätte ich mir Notitzen machen sollen: ein paar Schrittwechsel, kleine Pas de chats, sowas in der Art, Ports de bras – also die Armarbeit, die oft nicht klassisch ist, sondern vor allem den Gestus des klassischen Balletts übernimmt. Wenn die kindliche Bewegungssprache, die Blicke, die Mimik, die „Wirklichkeit“ sind, so ist das klassische Ballett die entsprechende Traumwelt, mit allem, was das klassische Ballett eben so zu bieten hat. Es hat ja vermutlich einen Grund, das sich kleine Mädchen angeblich gelegentlich als Ballerina träumen: die Schwerelosigkeit, das „schön-sein-Wollen“ und Prinzessinnenhafte. Hier gehen die hübschen Bewegungen des klassischen Balletts mühelos über in aggressivere Formen, die dann die klassische Form verlassen, wieder in kindliche Bewegungen übergehen, bis Emma Daniel sich wieder in die etwas krumpelige fünfte Position stellt und Haltung annimmt, als wollte sie sagen: Das bin ich wirklich. Ich bin nicht das krächzende, schlagende, fluchende Ding, das ihr gerade gesehen habt, ich bin schön, stolz, leicht und heiter. Und es stimmt auch. Aber es ist eben nur ein Teil und nicht das Ganze. Und diese unterschiedlichen Teile alle unter einen Hut zu bekommen, das Traum-Ich, das dunkle-Ich, das zwischen beiden hin und hergerissene Real-Ich, ist – auch für einen Erwachsenen – sehr schwer.

Hier, und das ist das eigentliche Wunder des Abends, geht das alles zusammen, weil es im Tanz kein Widerspruch ist, das eine geht in das andere über und es gibt kein Problem damit, dass das alles gleichzeitig oder nacheinander existiert. Wenn Emma Daniel das tanzt, dann stimmt das alles als annähernd vollständiges, stimmiges und komplexes Bild eines Menschen. Und, das würde ich hinzufügen: eines normalen Menschen. Und, das ist noch wichtiger hinzuzufügen, am Ende steht: „die Patientin lies sich bei uns einweisen wegen Depression und suizidaler Gedanken.“

Keine Antwort.

Das ist dann schon fast das Fazit. Wenn man von Christoph Winklers persönlicher Betroffenheit als Pflegevater ausgeht, der dann mit Emma Daniel eine Repräsentation der Pflegetochter auf die Bühne stellt, so ist das auf der künstlerischen Ebene ein Dialog des ratlosen Vaters/Choreographen mit der Tänzerin, die sich in die Tochter einfühlt.

Um meine Ausgangsbedenken zu beantworten: das hat hohe moralische und künstlerische Integrität, vor allem deshalb, weil eine Frage gestellt wird. Und diese Frage reicht weit über das persönliche Verhältnis von Christoph Winkler zu seiner Pflegetochter hinaus und sie lässt sich auch nicht treffender in Sprache fassen als in Choreographie und Tanz – zugegeben kontrastiert mit der kühlen Aktensprache psychologischer Fragebögen und Krankenhausanamnesen. Alles großartig getanzt. Hingehen, anschauen, staunen, nachdenken.

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