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Stella Zannou Smack Dance Company – Strange

Juni 18, 2015

Nach der Aufführung von Strange habe ich erstmal google nach einem griechischen Wort gefragt. Das griechische Wort ist das kleine Präfix „Meta“. Meta bedeutet so viel wie „über“ oder „dahinter“. Ein Fremdwort mit dem Präfix, das vermutlich die meisten Leute kennen, ist die „Metaphysik“, das, was über das Materielle hinausgeht (Religion, Moral und Sinnfragen u.ä.).

Ich erinnere mich dunkel, dass, als ich in den 90ern studiert habe, gelegentlich von einem „Metatext“ die Rede war, das heißt ein unausgesprochener Text, der „über“ dem eigentlich vorliegenden Text liegt. Der Metatext ist, wenn man so will, der große Bruder des Subtextes, der „unter“ dem eigentlichen Text liegt.
Ein Text ist in dem Zusammenhang nicht notwendigerweise ein Worttext, sondern jedes Zeichensystem, das in einem gegebenen Kontext eine Sinneinheit ergibt, also ein Film ist ein Text, eine Theateraufführung ist ein Text, eine Partitur ist ein Text.

Während der Subtext auf eine Erzählebene verweist, die unter dem Erzählten liegt, aber in der Regel, sich auf das Erzählte bezieht, (also z.B. auf die tatsächlichen Absichten einer Figur, die im Subtext erzählt werden, während die Figur selbst sie im Text verbirgt), verweist der Metatext auf das Bezugssystem des Autors (Choreographen, Tänzers, Komponisten) selbst. Und es gibt unzählige Beispiele, in Literatur, Film und Theater, in denen der Metatext deutlich in den Text hineingezogen wird. Während man für gewöhnlich Zusatzwissen braucht, um den Metatext zu entziffern (was beim Subtext nicht der Fall ist, da braucht man nur eine gewisse Sensibilität für Zweideutigkeit), thematisieren die gemeinten Stücke als Text ihren Metatext (und man kann sich dann daran erfreuen, darüber nachzudenken, ob es noch einen Meta-metatext gibt).

Das Adjektiv zum hier gemeinten Metatext ist nicht „metatextig“, sondern „selbstreferentiell“, also etwas, das sich auf sich selbst bezieht. Film über Film, Theater über Theater, Tanz über Tanz, Literatur über Literatur, Musik über Musik, Malerei über Malerei.

Im zeitgenössischen Tanz gibt es natürlich selbstreferentielle Stücke und diese selbstreferentiellen Stücke sind deshalb nötig und gut, weil auch zeitgenössische Tänzer und Choreographen oft genug nicht so genau sagen können, was zeitgenössischer Tanz eigentlich ist; und der Selbstbezug dient natürlich dem Ziel, diese Frage möglichst zu klären.

Selbstreferentielle Tanzstücke gibt es z.B. von Christoph Winkler, in denen Tanzformen, die soziale und persönliche Situation der Tänzer thematisiert werden und die davon abgesehen aber eben auch zeitgenössisch Tanzstücke sind. Ich habe davon leider nur eines („taking steps“) gesehen, aber es gibt noch ein paar mehr.
„Strange“ von Stella Zannou ist nun ebenfalls ein zeitgenössisches Tanzstück über zeitgenössischen Tanz, das aber einen völlig anderen Ansatz wählt als die in die Kategorie fallenden Werke von Christoph Winkler.
Das offensichtlichste Merkmal ist, dass der Produktionsprozess selbst – tatsächlich oder scheinbar – offengelegt wird. Das heißt: Wir haben Alejandro Notas, der als eine Art Zeremonienmeister durch den Abend führt und zunächst erläutert, was im Laufe der Produktionsarbeit alles an Ideen im Raum stand und verworfen wurde. Alles was verworfen wurde, wird gezeigt, gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass es sich bei diesen gezeigten Teilen nicht um Bestandteile der Aufführung handelt, sondern eben um Varianten, die angedacht und – aus unterschiedlichen Gründen – verworfen wurden.

Das beginnt damit, dass die Frage an das Publikum gestellt wird, wer schon mal einen Tanz-Workshop oder eine Unterrichtsstunde bei einem der beteiligten Tänzer (Stella Zanou, Marion Sparber, Alejandro Notas) hatte. Die Frage, wie viele zeitgenössische Zuschauer eigentlich Tanzschüler der Tänzer sind, hat mich ja auch schon immer mal interessiert, muss ich gestehen. Ich selbst habe zwei Workshops bei Stella Zannou gemacht, ziehe es aber vor, meine Hand unten zu lassen – und Stella Zannou, die sich unter Umständen, auch wenn es schon eine Weile her ist, hätte erinnern können, ist zu dem Zeitpunkt nicht auf der Bühne, so dass ich – anders als ein „Sichnichtmelder“, der einen Workshop bei Alejandro Notas besucht hatte – um das Folgende herum gekommen bin.

Die, die sich gemeldet haben (oder die beim Sich Drücken erwischt wurden), werden also, wie man vielleicht schon ahnt, auf die Bühne zitiert, wo sie auf Zuruf von Alejandro Notas eine kleine Choreographie aufführen, die jedem, der schon mal einen Tanzworkshop im zeitgenössischen Genre besucht hat, irgendwie vertraut vorkommt. Also für andere Zuschauer: wenn man Lust hat, kann man sich auch dann melden, wenn man noch nie eine Unterrichtsstunde bei einem der erwähnten Tänzer hatte, was folgt kriegt man schon hin…
Die Choreographie sieht gut aus und abschließend wird gesagt, dass Stella Z. am liebsten mit all ihren aktuellen und ehemaligen Tanzschülern zusammen gearbeitet hätte, das aber natürlich aus finanziellen Gründen nicht möglich war, weil sonst eben keine Zuschauer (sprich: Eintrittsgelder) mehr dagewesen wären. Das ist einerseits lustig, andererseits aber auf bittere Art wahr, denn zu dieser kleinen Choreographie ist so grob ein drittel des Publikums auf der Bühne. Zählen wir noch die Nicht-Melder hinzu, die nicht erwischt wurden, hat man es wohl so grob mit einem Publikum zu tun, von dem so die Hälfte bereits Tanzunterricht bei einem der Tänzer hatte.

Damit fängt das Stück allerdings nicht an. Das Stück fängt damit an, dass vier Leute dem Publikum in diversen Sprachen erklären, wie es sich zu verhalten hat und außerdem eine kleine Einführung darüber geben, wie das Stück warum entstanden ist. Die mehrsprachige Aufforderung, die Handys auszuschalten wird derweil, wie beim zeitgenössischen Publikum üblich, geflissentlich ignoriert und ein Handy geht naturgemäß genau zu einer besonders ruhigen Passage los. Also hier nochmal: selbst wenn man nicht weiß, wie man sein Handy ausschaltet, reicht es in der Regel, es in den Flugmodus zu stellen (unter „Einstellungen“) und darauf zu achten, das der Wecker ausgeschaltet ist, der trotz Flugmodus funktionieren würde.

Dann wird gesagt, dass Stella eine Bühne wollte, auf der allerlei Plunder liegt und es wird allerlei Plunder auf die Bühne gebracht. Sofort erinnere ich mich an eine handvoll zeitgenössische Tanzstücke, in der allerlei Plunder sinnlos auf der Bühne rumlag. Dann erzählt Alejandro Notas, dass Stella den Gedanken wieder verworfen hat und stattdessen eine leere Bühne wollte, außer einem Gegenstand, der von einer Zuschauerin nach Gutdünken bestimmt wird und der für den Rest der Aufführung in einem Lichtkegel auf einem Schemel sein wird. Der Gegenstand selbst ist völlig sinnlos, aber man erhält eine kleine Lektion darin, wie – ziemlich grundlos -, einem Gegenstand per Behauptung enorme Bedeutung beigemessen wird, was im Laufe des Abends, sehr dezent, und deshalb witzig, mitgespielt wird.

Was hier schon angedeutet wird ist eine gewisse skeptische Haltung gegenüber den Formen und Klischees des zeitgenössischen Tanzes, was aber an sich bereits ziemlich kompliziert wird. Denn, auch wenn der Gegenstand, dem jetzt per Lichtkegel und Alleinstellung enorme Bedeutung zugeteilt wird, per se keine Bedeutung hat, kann man sich als Zuschauer entscheiden, eine Geschichte, einen Sub oder Metatext oder sonstwas für diesen Gegenstand zu konstruieren. Und: Selbst wenn der Gegenstand keine Bedeutung hat… was bedeutet das dann? (die berühmt-berüchtigte „Leerstelle“). Damit sind wir dann mitten im Themenkomplex des zeitgenössisches Tanzes.

Wir haben es jetzt also mit einer leeren Bühne + Gegenstand zu tun. Als nächstes erläutert Alejandro Notas, dass Stella Z. ein Duett choreographiert hat, mit Marion Sparber. Die Tänzerinnen werden kurz vorgestellt, wobei Stella Zannou als bekannt vorausgesetzt wird, weil vermutlich eh jeder Besucher auf facebook mit ihr befreundet ist (…das wäre vermutlich die irgendwie bittersüße und wohl realistische Annahme der Aufführung) und über Marion Sparber ein paar Worte verloren werden. Ein Hinweis auf die scheinbare Allgegenwart von Marion Sparber und wieder der Hinweis auf die prekäre finanzielle Lage zeitgenössischer Tänzer (die für den geneigten Zuschauer dadurch eine interessante Metaebene bekommt, dass Stella Zannou Griechin ist)

Also: „Let’s have a look at it“. Das Duett wird gezeigt.

Und jetzt wird es noch komplizierter. Folgende Gedanken gehen mir als Zuschauer durch den Kopf: das Duett ist nicht schlecht, es gibt wie in jedem Duett so etwas wie ein Thema. „So etwas wie ein Thema“ ist, wie in (nahezu) jedem Duett ein Beziehungsthema im allgemeinen Sinne: Nähe, Distanz, Zuneigung, Aggression und so weiter. Als freundlicher Zuschauer ist man geneigt, das gut zu finden

Und dann ist Alejandro Notas die kleine, fiese Stimme im Zuschauerkopf, die man (ich) selbst in dem Moment dazu verurteilt habe, mal die Klappe zu halten. Nachdem er ausführlich, die tolle Energie, Intensität, Musikalität etc. des Duetts lobte, geht es los mit: aber wir haben solche Duette doch schon ganz schön oft gesehen und was soll das denn eigentlich. Und irgendwie geht einem das Herz auf, weil heimlich, ganz heimlich, denkt man das Gleiche, also wurde das Ding verworfen und der Zuschauer wird aufgefordert, zu vergessen, was er gerade gesehen hat.

Auftritt: Said Gamal Sayed.

Said Gamal Sayed ist ein ägyptischer Muskelberg und Gummimensch, der „jeden Morgen zwölf Eier isst“ („no joke“). Besagter Said Gamal Sayed hat, laut Notas, ein Video an Stella Zannou geschickt. Dann sieht man, wie er live aufführt, was auf dem Video zu sehen war. Ein Tanz, den er sich wohl autodidaktisch angeeignet hat. So grob ist das wohl das, was man heutzutage „urban-dance“ nennt und was man vor ein paar Jahren „Hip-Hop“ genannt hätte. Also er steht für eine relativ lange Zeit auf einer Hand und macht dazu Beinbewegungen und nutzt den Arm gewissermaßen als „Sprungbein“, dann macht er diese Bodenübungen, die man vom Turnen (Seitpferd) kennt. Das alles ist ziemlich beeindruckend und bei x-factor wäre er damit wohl ganz gut weggekommen. Er hat sein Video aber, warum auch immer, an Stella Zannou geschickt.

Der Maxime des Abends bis dahin folgend, dass irgendwie nichts „gut genug“ ist, wird seine Performance eher trocken zur Kenntnis genommen und es folgt „the making of Said Gamal Sayed“. Das heißt, Said Gamal Sayed wird in die Geheimnisse eingeweiht, die „nur ein zeitgenössischer Tänzer kennt“. Zunächst heißt das mal: er bekommt ein dunkles T-Shirt übergezogen.

Dann macht er die gleiche performance nochmal etwas zeitgenössischer, das heißt, die vorherige Basslastige Tanzmusik wird durch unheilvoll dräuende Klänge ersetzt und er macht das alles etwas langsamer…
Da das immer noch nicht gut genug ist, wird er danach von Stella Z. und Marion Sparber auf eine Art und Weise bearbeitet, die jedem, der jemals an einem Workshop im zeitgenössischen Genre teilgenommen hat, sehr vertraut vorkommt (siehe oben): Seine Muskeln werden durch Rumgerüttel entspannt, die Beine entspannt im Hüftgelenk bewegt und so weiter, so dass er dann hoffentlich den nötigen zeitgenössischen „Release“ und „Fokus“ bekommt.

Aber: Nicht gut (zeitgenössisch) genug.

Stella trifft eine Entscheidung (Trommelwirbel): Said wird in der Aufführung (die wir bis zu diesem Zeitpunkt theoretisch noch nicht gesehen haben) mitmachen, aber er bekommt nur eine handvoll konzentrierter, zeitgenössischer Bewegungen verordnet. Die Bewegungen sind: Er läuft von a nach b und schaut dann bedeutungsvoll ins Nichts. Später wird er bedeutungsvoll auf das bedeutungsvolle Objekt, das die Zuschauerin nach Gutdünken bestimmt hat, schauen.

Nicht gut genug.

Stella Zannou und Marion Sparber kommen dazu und es folgt ein kleines Trio, in dem im wesentlichen die Bewegungen von Said Gamal Sayed variiert werden. Das Ganze wird irgendwann ziemlich beeindruckend, wenn die beiden Mädels auf dem auf fast groteske Weise verbogenen Körper von Said Gamal Sayed herumturnen. Das klingt etwas lax, aber das Gezeigte entwickelt bereits eine gewisse Poesie, die das Due Zannou/Sparber (wie zugegeben wurde) nur selten zu Stande bekommen hat.

Nicht gut genug.

Dann schließlich die Performance, die tatsächlich die titelgebende Performance ist, das Trio, das schließlich für gut genug befunden wurde, um zur Aufführung zu gelangen, nachdem wir bis jetzt über eine Stunde lang alle verworfenen Ideen gesehen haben.

Also „Strange“ und: ja. Sowas habe ich tatsächlich bis dahin noch nicht gesehen. Ein witziges, akrobatisches und originelles Trio zu etwas überdrehter „Lord of the dance“-artiger Musik. Den besten Eindruck bekommt man vermutlich, wenn ich behaupte, dass das gesamte Trio von allen Tänzern auf allen vieren getanzt wird (auch wenn das nicht ganz stimmt: der Gesamteindruck ist so). Im Grunde ein Experiment: Ein fünfzehnminütiger (geschätzt) Tanz im „Abwärts schauenden Hund“ mit Michael Flatley inspirierten Beinbewegungen, gelegentlichen Halbhandständen, alles sehr gut zur Musik abgestimmt und wenn es noch zwanzig Minuten länger gegangen wäre, glaube ich, dass man die drei Körper tatsächlich als etwas völlig anderes als menschliche Körper wahrgenommen hätte. Auch so entsteht der befremdliche Eindruck gelegentlich (eine längere Dauer wäre an dem Punkt gut gewesen, um aus dem nonchalanten, gelegentlich bissigen Ton der Aufführung rauszukommen und sich auf den Zauber, den die Choreographie tatsächlich sehr im Ernst hat, einlassen zu können.)

Also – das sollte ich dann vielleicht doch betonen: es ist ein zeitgenössisches Tanzstück, das 90 Minuten lang ist und man wünscht sich, es wären noch zwanzig Minuten mehr gewesen (!!!!) – hab ich bisher noch nicht erlebt (na gut: Meg Stuarts Built to last war ein bisschen länger und genauso gut). Und auch ohne die zwanzig Minuten, ist das Trio am Ende ziemlich abgedreht, witzig, ungewöhnlich und trotz allem Witz (wie alles am Abend) ernsthaft getanzt.

Jeder muss an dem Abend einstecken und Stella Zannou wahrscheinlich am meisten, aber am Ende lohnt es sich dann, weil der Abend dann doch über seinen Metatext hinausgeht und am Ende tatsächlich (zumindest für mich) das fast unmögliche: etwas Neues, schafft.

Das wäre ein hübsches, wenn auch lobhudeliges Schlusswort. Aber ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich an und für sich nicht der größte Fan von selbstreferentiellen Stücken bin. Im Film bin ich der Meinung, dass Fellini da eigentlich mit 8 ½ das letzte Wort gesprochen hat. Ist „strange“ so gut wie 8 ½? Der Vergleich hinkt natürlich. Ich würde sagen: fast. Aber es kommt selten genug vor, dass man ein zeitgenössisches Stück sieht, das Spielfilmlänge (90 Minuten) hat. Es kommt fast nie vor, dass man ein zeitgenössisches Stück in Spielfilmlänge sieht, das keine Sekunde lang langweilig und ziemlich intelligent ist. Das allein ist erstaunlich. Und außerdem bekommt man vielleicht die für den Moment beste Antwort auf die Frage: „Was ist zeitgenössischer Tanz?“. Und endlich gibt es abseits von Christoph Winkler ein Beispiel für den sinnvollen Einsatz von Sprache in einem Tanzstück.

Nun gut, nachdem zu Beginn des Jahres das Staatsballett mit Schwanensee, Giselle und (mit Einschränkungen) Dornröschen vorgelegt hat, schließt der zeitgenössische Tanz jetzt mit Toula Limnaios, Christoph Winkler und Stella Zannou doch ziemlich nachdrücklich auf.

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