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Cie. Toula Limnaios – Wut

August 9, 2015

Wut wurde nach meinem Kenntnisstand 2012 uraufgeführt. Ich habe das damals auch gesehen, glaube ich, weiß aber nicht genau, ob ich darüber berichtet habe (irgendwie kriege ich es nicht hin, meinen eigenen Blog nach Beiträgen zu durchsuchen – bei Gelegenheit muss ich doch mal schauen, ob es ein „Wordpress Theme“ mit Suchfunktion gibt).

Wut jetzt wieder aufzunehmen scheint mir angebracht, weil das Stück eher aktueller geworden ist, zumindest kommt es mir so vor, dass mir das Gezeigte diesmal mehr gesagt hat als vor drei Jahren. Nichtsdestotrotz ist „Wut“ nicht unbedingt mein Toula Limnaios Lieblingsstück.

Vielleicht liegt das daran, dass ich das Gefühl der Wut als Reaktion auf die Welt nicht unbedingt teile. Meine Reaktion ist mehr und mehr Resignation. Der Underground Autor (gibt es sowas noch?) Jason Louv (oder hier) hat in einer als Buch veröffentlichten Sammlung eigener Blogbeiträge die Optionen so umrissen: Da der Planet die stetig wachsenden Menschenmassen nicht mehr lange wird am Leben erhalten können, wird es entweder ein wie auch immer herbei geführtes Massensterben in großem Stil geben (sei es durch natürliche Feinde wie bösartige Bakterien, die aktuell stattfindende Klimakatastrophe – hallo Kalifornien! – oder menschliche Gewohnheiten wie Krieg, Gleichgültigkeit und Gewinnstreben); oder man macht sich daran, das Weltall als alternativen Lebensraum zu erobern. Für letzteres werden in letzter Zeit eher keine Anstrengungen unternommen, während die Gemeinschaft der Völker fleißig an der unerquicklichen ersten Möglichkeit arbeitet.

Während Jason Louv fleißig für die Eroberung des Weltalls die Werbetrommel rührt, sehe ich nicht, dass die technischen Möglichkeiten dafür auf absehbare Zeit entwickelt werden, noch dass irgendwo der Willen erkennbar wäre, das Problem dieser Lösung zuzuführen. Die glorreichen Zeiten der Space Race sind lange vorbei – und eine Renaissance dieser hoffnungsvollen Zukunftsvisionen ist nicht in Sicht.

Also Resignation. Vielleicht gibt es mittelfristig noch eine dritte Möglichkeit, die aber ein globales Ausmaß an Vernunft voraussetzen würde, das jeder Erfahrung widerspricht. Wer das nicht glauben will, sei eingeladen, sich einfach mal einen Tag lang im Deutschlandfunk die Nachrichten anzuhören.

So weit so gut. Was kann Tanz also machen? Ich würde behaupten, dass die meisten Tanzvorstellungen, die man so sieht einen Rückzug ins Private propagieren oder eine Form von utopischem Eskapismus – solange die Leute noch tanzen kann es ja nicht so schlimm sein, nicht wahr?

Nun, doch es kann so schlimm sein, obwohl die Leute tanzen. Es gab ja auch folternde Nazis, die gerne Schubert und Beethoven gehört haben. Dass Psychopathen grundsätzlich psychopathische Musik hören, psychopathische Bücher lesen, psychopathische Filme schauen und psychopathische Computerspiele spielen, ist eine der dümmlichsten Irrtümer des sogenannten Establishments (tatsächlich kann der Konsum „psychopathischer“ Kunst auch eine durchaus gesunde, sozial verträgliche Art sein, dem eigenen Schatten ein wenig Raum zu geben).

Es ist ein Zeichen der menschlichen Natur, zu maximaler Selbstzersplitterung fähig zu sein und sich selbst krasseste Widersprüche schön zu reden. Natürlich kann irgendein Psychopath Folter zur Kunstform erheben – darüber gibt es einen Haufen Filme (alle Teile der „Saw“-Reihe zum Beispiel) – und am Abend eine Tanzperformance darüber machen, wie sehr ihn der harte Job, stundenlang andere Leute mit Waterboarding und Stromschlägen zu bearbeiten, belastet.

Also was tut man als Kunstschaffender, um diesem Dilemma irgendwie zu entgehen. Der geschickteste Schachzug von Toula Limnaios ist vermutlich, irgendwann gegen Ende des Stücks die Strukturen des Tanzes selbst zum Thema zu machen. Da bekommt eine Tänzerin (Inhee Yu) Anweisungen von einer anderen Tänzerin (Karolina Wyrwal), und die Anweisungen werden befolgt.

Gehorsam ist eben auch ein Teil des Tanzes und sicher ein Teil des Problems. Die Interpretationsmöglichkeiten hier sind vielfältig aber nicht beliebig. Man kann die Rolle von Inhee Yu als Befehlsempfängern auf alle erdenklichen Arten interpretieren. Die Struktur ist klar: sie befolgt die Anweisungen, weil sie irgendetwas will, in dem Fall möglicherweise der Kunst dienen, als Tänzerin so gut wie möglich aussehen, vielleicht nur ein freundliches Wort von Karolina Wyrwal (man unterschätzt gelegentlich die Macht und die Sehnsucht nach Freundlichkeit) usw.
Man kann das übertragen auf, sagen wir, einen Flüchtling, der alle möglichen Befehle befolgt, um irgendwo fern der Heimat am Leben bleiben zu dürfen. Man kann das übertragen auf, sagen wir, einen Hartz 4 Empfänger, der, dank der rot/grünen Schröder/Fischer Regierung unsinnige Fortbildungen absolvieren und unsinnige Bewerbungen für unwürdige Jobs abschicken soll (Grundgesetzt hin oder her), um zu verhindern, dass ihm die Bezüge gekürzt werden, die auch so kaum zum Überleben reichen.

In der Cie Toula Limnaios ist die Situation vermutlich so: es ist für einen Tänzer durchaus ein Glück, da beschäftigt zu sein, weil es eben einen vernünftigen Vertrag und eine sichere Bezahlung gibt, über deren Höhe ich allerdings nicht informiert bin. Also wird der Tänzer gefälligst tun, was die Choreographin sagt und er/sie wird es so gut tun, wie es irgend geht, um eben diesen Job nicht zu verlieren. Es ehrt Toula Limnaios, dass sie das Problem in diesem Tanzstück thematisiert. An dieser Stelle, mehr als überall sonst im Stück, wird die Falle sichtbar.

Die Falle ist den Strukturen selbst eingeschrieben und ein Dilemma, das man in Kunstdisziplinen, in denen es darum geht, gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen, häufig antrifft. Nämlich hierarchische Strukturen und es ist eine Herkulesaufgabe der zeitgenössischen Tanz und Performanceszene, diese hierarchischen Strukturen zu überwinden und trotzdem am Ende etwas interessantes auf die Bühne zu bringen. Die Stelle in Wut spricht aber von einer gewissen Abscheu gegen Autorität auch im eigenen System.

Wenn man so will ist diese kleine Stelle im Stück, eine ziemlich niederschmetternde Analyse der Situation aus der Täterperspektive. Während der Rest des Stücks mehr oder weniger die Darstellung von unerträglichen Verhältnissen ist, die wir aus den Nachrichten kennen – sagen wir Abu Guhraib, Sweat Shops in der Kleidungsindustrie und so weiter – wird es hier etwas näher und direkter.

Und nein, es gibt keine Lösung. Das Problem ist, wie man so schön sagt, strukturell. Und politisch gewollt. Wenn man die Leute dazu zwingt, um ein erträgliches Leben kämpfen zu müssen, hält man sie davon ab, sich um eine andere Gesellschaft zu bemühen. Es gibt ja angeblich Umfragen (es gibt zu allem Umfragen) wonach sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland ein „menschlicheres“ Wirtschaftssystem wünschen. Aber das bestehende Wirtschaftssystem hält sie natürlich wunderbar davon ab, diesem Wunsch den nötigen Nachdruck zu verleihen – stattdessen zündet man Asylantenheime an und lässt seine ohnmächtige Wut wie immer an denen aus, die noch schwächer sind als man selbst. Und wie immer liegt man damit so falsch, wie man nur falsch liegen kann.

Meine Resignation ist auch das Ergebnis einer Langeweile. Pfff, machen wir doch einfach wieder den gleichen Scheiß wie vor 80 Jahren, was damals nicht funktioniert hat, wird ja heute auch nicht funktionieren. Schlägernde Nazibanden, brandschatzende Wutbürger sind einerseits natürlich beängstigend, aber mehr als das sind sie unerträglich langweilig.

Wie wenig muss man in der Schule aufgepasst haben, um zu wissen, dass man da gerade totalen Unfug veranstaltet, der zu keinem irgendwie zufrieden stellenden Ergebnis führen wird. So wie der Israel/Palästina Konflikt langweilig ist, weil sich seit fünfzig Jahren da keine Sau mal irgendeine fantasievollere, buntere, freundlichere Variante einfallen lässt als Gewalt. Das mit der Gewalt kann man ja mal probieren, aber wenn man nun seit Jahrzehnten bewiesen bekommt, dass das nicht die Bohne funktioniert, könnte man sich ja mal was anderes überlegen. Die Phantasielosigkeit in der Mainstream Politik wäre vielleicht kein Problem, wenn sie nicht immer zu Gewaltexzessen führen würde. Aber so, wie sich die Sache im Moment präsentiert ist es ein Problem und nicht nur im Nahen Osten.

Vielleicht ist das das eigentlich bedrückende an dem Abend: die Wut ist eine ohnmächtige Wut über das „Unmenschliche“ an der Menschheit (und man kann natürlich argumentieren, dass auf die Schwächeren einzuschlagen und sich gegenseitig zu foltern und abzuschlachten seeeehr menschlich ist, leider, Mitgefühl ist eine Qualität, die man in der Schule leider nur zufällig lernt). Ohnmächtige Wut ist vermutlich das Gefühl, das im Moment in der Welt am häufigsten anzutreffen ist. Es ist relativ nah an meiner Resignation. Es führt dazu, dass Leute nicht mehr zu Wahlen gehen, es führt dazu, dass man sich nicht wehrt gegen die Unsummen, die unser geliebter Staat dafür ausgibt, alberne Zinsen abzuzahlen (statt sich für eine globale Entschuldung einzusetzen, die eh früher oder später bestenfalls per Hyperinflation und Währeungsreform kommt), uns zu überwachen oder Handelsabkommen abzuschließen, die Hypergesetze festschreiben, die jede zukünftige Regierung wirtschaftspolitisch handlungsunfähig machen – meiner Meinung nach das Hauptproblem von TTiP: Angenommen es gibt in diesem Land irgendwann eine Mehrheit für ein „menschlicheres“ Wirtschaftssystem und es gibt eine Partei, die das auf dem Zettel hat und sonst nicht übermäßig viel Unfug erzählt – wäre eine Regierung überhaupt in der Lage dann eine solche Wirtschaftspolitik ins Werk zu setzen? Das ist wohl damit gemeint, wenn die TTIP Kritiker sagen, dass damit die Demokratie durch das Wirtschaftssystem ausgehebelt wird. Weniger optimistische Geister sagen, dass diese Machtablösung längst stattgefunden hat.

Also unterzeichnet man eine Online Petition oder macht ein Tanzstück zum Thema und weiß doch gleichzeitig, dass man Teil des Systems ist, das man kritisiert. An dem Punkt ist dann Toula Limnaios „Wut“ sehr viel intelligenter und ehrlicher als zum Beispiel Hofesh Shechters „Sun“ (mit ähnlichem Thema), weil Toula Limnaios weiß, wie schwer es ist, ein Problem zu lösen, zu dem man selbst beiträgt. Viel ehrlicher kann man das eigentlich nicht machen. Und man kann dagegen sein, obwohl man Teil davon ist. Man kann wütend sein, weil man dazu gezwungen wird, Teil davon zu sein.

Oder weil es sehr schwer ist, nicht Teil davon zu sein: Ich höre gerade Musik auf i-tunes, das zu einer Firma („Apple“) gehört, die gnadenlos Arbeiter in China ausbeutet, ich habe dieser Firma relativ viel Geld durch das Erwerben von Musik/Filmen/Fernsehserien zukommen lassen. Ich schäme mich dafür, das ändert aber nichts an der Tatsache. Man gewöhnt sich an die Scham und resigniert. Meine Alternative ist Amazon, eine Firma, die mit allen möglichen (legalen) Tricks das Zahlen von Steuern und anständigen Löhnen vermeidet. Ich habe auch schon Kakao von Nestlé getrunken, dessen lachhafter Cacao Gehalt von Kindersklaven (einfach googlen und man wird so viele Beiträge zum Thema finden, dass einem schlecht wird) in der Elfenbeinküste erarbeitet wurde, worüber der Konzern ein paar lächerliche Krokodiltränen vergießt. Was sind meine Alternativen? Sie sind rar und nicht besonders gut. Ich habe es in schlechten Momenten aufgegeben, ein richtiges Leben führen zu können. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Adorno hätte vermutlich auch nicht gedacht, wie recht er damit hatte.

Aber jetzt reicht’s mit der Jammerei: Wo Hofesh Shechters „Sun“ „Wut“ überlegen ist, ist die große Geste, der Bombast, mit dem das Ganze daher kommt. Und so habe ich gelegentlich das Gefühl, dass die „Kleinheit“ des Stücks der Größe des Themas nicht unbedingt angemessen ist. „Wut“ ist am Ende ein relativ normales Toula Limnaios Stück. Es gibt relativ harte Stellen, die überzeugen, wie der gesichtslose „Gefangene“, dessen Kopf lautstark gegen eine Art milchig durchscheinende Platte geschlagen wird, die drei Tänzerinnen, die einen riskanten Tanz im Sitzen mit teilweise scharfkantigen Steinen ausführen, aber im allgemeinen kommt mir das Stück eher zu wenig ambitioniert vor. Vielleicht auch zu wenig wütend, insofern würde ich mir eher wünschen, dass Toula Limnaios bei Gelegenheit an dem Thema dran bleibt und ein Werk mit größerer Geste und größerer formaler/dramaturgischer Geschlossenheit dazu macht (was auch immer das heißen mag).

So scheint es gelegentlich ein bisschen so, dass vor allem Bebilderungen gesucht und gelegentlich gefunden werden, die das Thema irgendwie illustrieren, während die wirklich zwingenden Stellen für mich doch rar gesät sind, und insgesamt der dramaturgische Bogen ein wenig zu wünschen übrig lässt (na gut, das kann ich über jedes zweite Tanzstück sagen).

Naturgemäß lohnt es sich trotzdem, sich das Stück anzuschauen. Für mich hat sich das zweite mal Schauen gelohnt, da das Stück, wie gesagt, heute eher aktueller ist als vor drei Jahren. Es gibt trotzdem noch Luft nach oben, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Und ich habe mal Gelegenheit meinen unausgegorenen Frust über diverse politische Themen abzulassen.

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2 Kommentare leave one →
  1. Vera Block permalink
    November 9, 2015 6:45 pm

    Lieber Herr Lemke,

    plötzlich fiel mir auf, dass es schon länger keine Argusschläft-Beiträge gab… Das ist schade! Sie waren immer ein Genuss! Vor allem zum Naharin hätte ich gerne Ihre Meinung erfahren. Ich hoffe, Ihr Blog hat nur Sabbatical und ist nicht in Rente gegangen. Beste Grüße Vera Block

    • Dezember 10, 2015 6:12 pm

      Ja, ich habe tatsächlich eher eine Pause gemacht, um mir selbst ein bisschen klarer über die Frage zu werden, wie und warum ich über Tanz schreiben will. Allmählich klärt sich das ein bisschen, aber vielleicht werde ich den Blog auch um ein paar Themen erweitern.

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