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Cie. Toula Limnaios – Minute Papillon

Dezember 10, 2015

Das neue Stück von Toula Limnaios befasst sich, so kann man im Programmheft lesen, mit dem Thema „Zeit“. Das Thema ist vergleichsweise allgemein gehalten, für den Zuschauer sind Themenhinweise meistens vor allem eine Einladung, ein Stück auf ein bestimmtes Thema hin zu betrachten, das bei der Arbeit am Stück vermutlich eine Rolle gespielt hat.

Wenn es so ein Thema gibt, stellt mein Gehirn vor der Auffürung mehr oder weniger automatisch eine kleine Liste zum Thema her. Also Zeit: wird von uns allgemein als gerade Linie wahrgenommen, auf der gibt es einen winzigen Punkt, der sich unaufhörlich von der Vergangenheit in die Zukunft bewegt. Diesen Punkt nennen wir Gegenwart. Andere Leute sagen, dass die Zeit in Wahrheit nicht linear ist, sondern irgendwie anders aussieht, aber unsere Wahrnehmung der Zeit ist so: unaufhörlich fortschreitend. Einstein hat die Idee der „Raumzeit“ eingeführt. Wenn ich es richtig verstanden habe, heißt „Raumzeit“, dass Raum und Zeit in Wahrheit das gleiche sind. Manche Leute sagen, dass die Zeit zirkulär verläuft oder wie eine Spirale. Man kann die Auswirkungen der Zeit sehen, Veränderungen, aber die Zeit selbst ist unsichtbar, deshalb sind unsere Vorstellungen von der Zeit entweder mathematische Formeln oder mehr oder weniger poetische Metaphern.
Die stärkste Metapher ist dabei vermutlich das Uhrwerk, das durch eine immer gleichbleibende, sich wiederholende Bewegung Zeit repräsentiert, und damit unserem Leben einen Rhythmus gibt, der scheinbar objektivierbar und für jeden gleich ist. Dabei ist das Uhrwerk nur eine Methode, die unsichtbare Zeit zu messen. Es gibt andere Methoden, die Sonnenuhr (der das bekannte Ziffernblatt der meisten marktüblichen Uhren nachempfunden ist) oder der Sanduhr. Auf der gemessenen Zeit läuft dann unser Leben gewissermaßen als Verzierung oder Melodie ab. Und damit ist man dann schon relativ nah an „Minute Papillon“.

Oder an jedem anderen Phänomen des wachen Lebens, unter das wir mit großer Konsequenz das unendliche Ticken der Uhren gelegt haben. Die unbarmherzige Objektivität der Uhr widerspricht dabei für gewöhnlich unserem Zeiterleben. Ich habe „Minute Papillon“ zweimal gesehen und das Stück war beim zweiten mal kürzer als beim ersten mal. Nicht für eine Uhr, aber für mich. Die Erfahrung ist alles andere als ungewöhnlich, je nach Stimmung vergeht die Zeit langsamer oder schneller und man kann sich dann darüber streiten, ob die Uhr recht hat oder man selbst. Behauptet man, die Uhr habe recht, ist das letztlich eine fragwürdige Mehrheitsentscheidung, denn, wenn man ehrlich ist, erlebt jeder Zuschauer in jedem Theaterstück oder in jedem Moment des Lebens eine völlig andere, individuelle Zeitspanne. Wenn ich vor der Halle Tanzbühne stehe und darauf warte, dass das Stück beginnt, vergeht die Zeit für mich mutmaßlich langsamer als für die Gruppe junger Damen, die munter plaudernd ein paar Meter entfernt wartet, weil ich alleine rumstehe und nichts zu tun habe.

Wie dem auch sei, wenn man dann den Bühnenraum betritt und sich an einen freien und mehr oder weniger geeigneten Platz gesetzt hat, sind die Tänzer und Tänzerinnen bereits auf der Bühne und stehen an, um Erde in einen Eimer zu füllen. Der Bühnenraum selbst besteht aus einem Gerüst, so halb rechts, ist sonst zum größten Teil mit Erde bedeckt, zum kleineren Teil mit Kunstrasen. Das Erdthema spielt in diesem Fall wohl auf eine andere Besonderheit der Vergangenheit im Verhältnis zur Gegenwart an, nämlich, dass die Vergangenheit mit der Zeit auf diesem Planeten allmählich von Erde oder Wasser verborgen und schließlich zersetzt wird, so dass sie nur, wenn man früh genug dran ist, durch archäologische Bemühungen teilweise rekonstruiert werden kann. Auf der Bühne finden sich in den Erdschichten ein paar Schuhe und ein Kopfkissen, beides, vom Dreck befreit, in sehr gutem Zustand.

Das Vonderzeitverschüttetwerden vollzieht sich allerdings anders als ein Uhrwerk, nämlich meistens durch mal mehr mal weniger dramatische Naturereignisse, wie Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben oder Vulkanausbrüche. Die Tanzenden selbst sind diesem Erosionsprozession in der Aufführung häufig ausgesetzt, weil Hironori Sugata sie häufig mit Erde bewirft. Und so stehen die Tänzer am Ende ziemlich erdverschmiert da, konnten sich aber gegen das Verschüttetwerden erfolgreich wehren, weil sie eben die meiste Zeit getanzt haben.
Die unterschiedlichen Formen der Zeitwahrnehmung spielen in „Minute Papillon“ dann eine ziemlich große Rolle. Zum einen haben wir es gelegentlich mit sich wiederholenden Bewegungen eines Uhrwerks zu tun – wenn Katja Scholz und Leonardo d’Aquino sich wie ein Uhrpendel an den Armen hin und herziehen, oder wenn alle Tänzer in abgehackten, kleinen Trippelschritten über die Bühne laufen, was an die Stopmotion Technik aus der Filmanimation erinnert, und an ein Uhrwerk, denn ein mechanisches Uhrwerk vollzieht ja keine fließende Bewegung, sondern macht eine Bewegung, verharrt dann und springt dann zur nächsten Sekunde vor. Einen ähnlichen Effekt hat, zumindest potentiell, das einmal eingesetzte Stroboskoplicht, das Bewegungen zerhackt. Es scheint so zu sein, dass wir mit Zeit doch oft die stolpernde Bewegung des Sekundenzeigers verbinden, als würde Zeit eher durch Zeitlöcher sichtbar, wie das Verharren des Sekundenzeigers, bevor er vorwärts springt das eigentliche Bild dafür ist, dass Zeit gerade vergeht. Die Uhr ist offensichtlich eine sehr erfolgreiche Erfindung, wenn es darum geht, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen oder wenigstens zu illustrieren.

Nun ist die Uhr ein Aspekt der Zeit, der für unser Leben von Bedeutung ist, weil Uhren eine Art Zeitkonsens herstellen, der sinnvoll ist, wenn man Verabredungen trifft oder öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Aber die Uhr verschweigt viele andere Möglichkeiten, Zeit wahrzunehmen und in der Zeit zu sein. In Minute Papillon, wird das gleichmäßige Ticken der Uhr nur gelegentlich anzitiert, während es meistens um andere Fragen geht.
Der Titel selbst ist wohl eine französische Redewendung, eine Aufforderung, kurz inne zu halten. Ein Moment der Ruhe im ständigen Fortschreiten der Zeit. Es ist ja schon erstaunlich, dass Momente der Ruhe in der Zeit überhaupt möglich sind. Das Innehalten ist eigentlich ein kleines Wunder, das höchst selten stattfindet. Sowohl bei Katja Scholz und Leonardo d’Aquino als auch bei Karolina Wyrwal und Daniel Afonso (die zwei auffälligen Paare des Abends), gibt es Szenen, in denen der eine Tänzer den anderen durch gesprochene Befehle über die Bühne treibt. Das Innehalten findet da vielleicht statt, wenn ein Befehl wie „Hug me“ ausgeführt, und in der folgenden Umarmung für eine halbe Sekunde Ruhe gefunden wird.

Dennoch drängen sich die Momente des Innehaltens an dem Abend nicht unbedingt auf, so dass ich irgendwann den Verdacht hatte, für Tänzer könnten diese Momente anders aussehen als für Nichttänzer. Während ich mit „Innehalten“ vor allem Ruhe, Stillstehen und Alleinsein verbinde, mag es sein, dass Tänzer diese Ruhe in der Bewegung finden und das Alleinsein auch keine Bedingung dafür ist. Das Innehalten selbst ist ja ein Zustand, in dem man sich entweder aus dem unendlichen Zeitstrom ausklinkt und der Zeit von einem neutralen Standpunkt aus beim Vergehen zuschaut; oder wir haben es mit einem Zustand zu tun, in dem man sich für eine Weile konsequent in der Gegenwart aufhält, also mit dem Zeitfluss völlig synchron ist und Vergangenheit und potentielle Zukunften betrachten kann, ohne davon bestimmt zu werden.

Am ehesten sehe ich das an dem Abend bei Karolina Wyrwal, die zwei Duette mit Daniel Afonso hat. Das erste Duett ist eine Art Kontaktimprovisation, wobei der Kontaktpunkt der Körper die Lippen sind, eine Art lang gedehnter Kuss. Da dabei getanzt wird, eröffnet sich dann eine Vielzahl möglicher Sichtweisen. In einem Stück über Beziehungen würde man in dem Duett möglicherweise eine Nähe/Distanz Problematik sehen. Die Tänzer winden sich aus dem Kuss heraus, aber sobald sie den Kontakt verlieren, versuchen sie den Moment möglichst schnell wieder herzustellen. In einem Stück über Zeit mag man darin vielleicht eher sehen, dass die beiden sich gegen das Vergehen des Moments wehren, dass sie versuchen, die Zeit hier anhalten zu lassen, aber da die Bewegung nicht aufhört, kann man den Erfolg bezweifeln.
Im zweiten Duett klebt Afonso Karolina Wyrwal anfangs Augen und Mund zu, und dirigiert sie dann durch gesprochene Anweisungen über die Bühne, fängt sie auf und achtet darauf, dass sie nicht ins Publikum oder vor die Wand läuft. Dass Augen und Mund verschlossen sind, hat dabei einen seltsamen Effekt, weil das zunächst mal den Eindruck von Alter erweckt. Also Karolina Wyrwal wirkt da so, als sei sie tausend Jahre alt, und sie ist natürlich darauf angewiesen, dass ihr Partner ihr verlässliche Anweisungen gibt. Abgesehen davon, dass hier dann das Zeitthema schlechthin – Vergänglichkeit, Alter und Tod – zum Ausdruck kommt, mag man vielleicht eine Ahnung davon bekommen, was das Innehalten auch sein kann, nämlich das Abgeben von Kontrolle oder Kontrollieren Wollens, ein Moment, in dem einfach alles so sein darf, wie es ist.

Für so einen Zustand muss der Körper nicht notwendigerweise stillstehen. Das Stück endet dann damit, dass Karolina Wyrwal allein tanzt, während ihr die übrigen Tänzer zuschauen. Im Solo – immer noch mit verschlossenen Mund und Augen – scheint Wyrwal dann ganz bei sich zu sein, allein, aber ob es sich dabei um den gesuchten Moment des Innehaltens handelt, vermag ich nicht zu sagen. Für mich als Nichttänzer liegt die Interpretation näher, dass das „Innehalten“ im Stück eher eine Utopie ist, die nicht erreicht wird, obwohl sie eigentlich möglich ist, auch in einem Tanzstück.

Die Frage ist, ob das Innehalten an dem Punkt nicht eher ein Zustand ist, der im individuellen Erleben der Tänzer auf der Bühne und/oder der Zuschauer selbst liegt, und dass „Minute Papillon“ selbst diesen Zustand nicht bereitstellen kann oder will. Das allein ist natürlich schon ein Statement.

Nun gut, so weit komme ich im Moment mit dem Stück, wenn ich die Zeitbrille aufsetze. Es wäre sicherlich interessant, sich das Stück anders anzuschauen und herauszufinden, worum es geht, wenn man das Stück ohne an das Thema zu denken betrachtet. So oder so handelt es sich um einen interessanten und sorgfältig und sinnig durchstrukturierten Abend.

Hier kann man sich auch einen Eindruck verschaffen. Seltsamerweise liegt die französische Syncho darüber, aber das ist natürlich auch eine gute Gelegenheit, ein wenig am eigenen Französisch zu arbeiten.

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