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Philipp Ruch – Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest

Dezember 12, 2015

Irgendwie dachte ich, es wäre eine gute Idee, etwas zu Philipp Ruchs Büchlein „Wenn nicht wir, wer dann?“ zu sagen. Ich dachte das, bevor ich angefangen habe das Buch zu lesen. Der Grund dafür war, dass ich vor ungefähr einem Jahr mit einer Bekannten ein Gespräch über das „Zentrum für politische Schönheit“ hatte. Die Bekannte drückte vor allem ihr Unbehagen darüber aus, dass mit dem Begriff „politische Schönheit“ zum ersten Mal seit dem Nationalsozialismus so etwas wie eine „Ästhetisierung der Politik“ betrieben wird.

Ruch scheint der Vorwurf bekannt zu sein. Schon ziemlich am Anfang behauptet er, es gehe nicht darum, Politik zu ästhetisieren. „Ich schließe sogar aus, dass Ästhetik überhaupt etwas mit Schönheit zu tun hat“. Nun gut, das wurde mir dann in der Schule offenbar falsch beigebracht. Ruch sagt dann auch sofort, worum es in Wahrheit geht: „Es geht um die grundsätzlichen Ziele“. Als Leser war ich natürlich gespannt, was nun diese grundsätzlichen Ziele seien, er hält sich da aber seltsam bedeckt. Alles was man erfährt, ist, dass es um den Wert des Menschen an sich geht, um einen „aggressiven Humanismus“. Und natürlich um Schönheit, die nichts mit „Ästhetik“ zu tun hat.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ ist ein Performancekollektiv, das sich in jüngster Zeit vor allem um das Flüchtlingsthema bemüht und dabei einen PR-Coup nach dem anderen landet, angefangen beim Transport der Kreuze für die Mauertoten an die europäischen Außengrenzen, bis zu der Aktion „Die Toten kommen“, bei der in Massengräbern verscharrte Flüchtlinge ausgebuddelt und in Berlin ordentlich beigesetzt wurden. Wer sich ein genaueres Bild machen will, kann bei Wikipedia oder auf der Webseite der Gruppe nachschauen.

Ziel ist anscheinend, durch Aktionen etwas im Sinne des Humanismus Schönes zu tun, das dann bestenfalls andere ermutigt, ähnlich aktiv zu werden.

„Wenn nicht wir, wer dann“, ist nun bedauerlicherweise überhaupt nicht so, dass man sich durch das Buch ermutigt fühlt, irgendwas zu machen. Es ist auch in keiner Weise schön oder erhebend, das Werk zieht einen, ehrlich gesagt, ziemlich runter, weil man permanent vorgehalten bekommt, dass man ein untätiger, in seinem Selbstwert gestörter Schwächling sei, der durch „toxische Ideen“ das Gefühl oder die Gewissheit des eigenen Werts verloren hat.

Die toxischen Ideen sind dabei vor allem die Ideen der Moderne und Ruchs Haltung zu dem Ganzen lässt sich in einem einfachen „Moderne schlecht, Antike gut“ zusammenfassen. Statt also darüber zu reden, was er/das ZPS eigentlich erreichen will, wird über weite Strecken lang und breit darüber doziert, was Ruch warum doof findet, wobei er die ihm verhassten Ideen auch gerne mal so zurechtstutzt und missversteht, dass sie sich irgendwie für seine Tiraden eignen.

Als erstes findet er alle Politiker mit Ausnahme von Willy Brandt und Christian Schwartz-Schilling doof. Willy Brandts Kniefall von Warschau gilt dabei als herausragendes Beispiel für „politische Schönheit“. Man könnte meinen, dass Angela Merkel tendenziell ein wenig Gnade erfahren würde, weil sie in der Flüchtlingspolitik eine überraschend humane Haltung einnimmt. In einem Radiointerview sagte Ruch dazu nur, dass Merkel in Wahrheit gar nichts mache, was er sich von ihr wünscht, wäre, wenn sie ein paar Worte arabisch lernt, und eine Willkommensrede an die Flüchtlinge hält. Theaterkollege Alvis Hermanis würde sich vermutlich das genaue Gegenteil erhoffen. Glücklicherweise ist Politik kein Wunschkonzert.

Es scheint ein bisschen so, dass Ruch sich grundsätzlich die falschen Feinde sucht. Man muss Angela Merkel nicht gut finden, aber wer sich für Flüchtlinge engagiert, findet sicher lohnendere Gegner.

Nun gut, mit dem Politikerbashing am Anfang des Buches hat Ruch das Diskussionslevel schon mal auf ein solides Stammtischniveau gebracht, und die Lektüre gestaltet sich im Folgenden, gelinde gesagt, mühsam. Das Buch ist insgesamt alles andere als unterhaltsam, es werden die immer gleichen Thesen wiederholt, ohne dass sie dadurch wirklich griffig oder Sinn ergeben würden.

Also Ruchs „toxische Ideen“:

Die erste toxische Idee ist die Evolutionstheorie, dabei wirft er Darwin munter in einen Topf mit den berüchtigten „Sozialdarwinisten“. Derweil hat die Evolutionstheorie als biologische Disziplin damit eher wenig zu tun. Ruchs Kritikpunkt ist dabei der allseits bekannte, nämlich dass Darwin den Menschen durch die Evolitionslehre zum „Tier“ gemacht hat. Die Empörung darüber kam bislang vor allem aus christlich fundamentalistischen Kreisen. Ruch verzichtet auf Gott, ihm geht es eher darum, den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen, und da passt es ihm nicht, dass Darwin behauptet, die Entstehung des Menschen hätte möglicherweise etwas mit dem restlichen Leben auf unserem kleinen Planeten zu tun.

Die zweite toxische Idee ist die Wissenschaft an sich. Wieder geht es darum, dass mit der Vorstellung, der Mensch sei durch seine Gene/Hormone usw. definiert, eine Entzauberung des Menschen stattfindet.
Ruchs Vorwurf ist, dass Wissenschaft, den Menschen in gewisser Weise als Maschine betrachtet, zufällig entstanden und ohne höheren Sinn, verloren und bedeutungslos in einem unendlichen Universum, auf chemische Vorgänge des Körpers reduziert. Nun gut, das ist ein weites Thema, und es gibt vieles was man heute an der Wissenschaft kritisieren kann, nicht zuletzt ein Anspruch auf absolute Autorität, der durch den wissenschaftlichen Output und tatsächlichen Erkenntnisgewinn nicht immer gerechtfertigt ist. Ich muss gestehen, dass ich mich durch die Wissenschaft allerdings nicht beleidigt fühle, ich ärgere mich nur gelegentlich, dass denkbar banale Erkenntnisse als sensationelle Neuigkeiten verkauft werden, die Wissenschaft oft genug ihre eigenen ideologischen Grundlagen aus den Augen verliert und behauptet „objektiv“ zu sein, und dass Wissenschaft in letzter Zeit von allerelei Interessengruppen missbraucht wird. Wenn man eine Studie braucht, die die Unbedenklichkeit genmanipulierter Lebensmittel belegt oder dass es gut ist, fleißig Glyphosat auf Nutzpflanzen zu sprühen, muss man einfach nur die richtigen Leute bezahlen und so weiter. Das Thema ist aber etwas komplizierter als Ruch es darstellt.

Die dritte toxische Idee ist die Psychoanalyse im Allgemeinen und Freud im Besonderen. Ruchs Kritik an der Psychoanalyse ist eigentlich der Punkt, an dem es anfängt, ein bisschen gruselig zu werden. Irgendwann im Laufe der Lektüre, habe ich mir dann ein paar Zitate aufgeschrieben, weil es für mich relativ schwer wurde, gedanklich nachzuvollziehen, was der Mann mir da eigentlich erzählt. Also was sagt er?

„Bis Freud waren Leiden nicht etwas, das man zu behandeln, sondern etwas, das man wegzustecken hatte.“ (das „Wegstecken“ findet Ruch offenbar sehr gut)

„Sie (die Psychoanalyse) unterstellt, der Mensch sei schwach. Wer vorgibt, stark zu sein, bildet sich etwas ein.“ (ich kann nicht sehen, dass „die Psychoanalyse“ etwas derartiges behauptet)

„Nach Freud wagte niemand mehr, Gewalt über sein Leiden auszuüben.“ (Doch, das tun die meisten Leute dauernd)

„Es hat etwas Obszönes wenn Millionen Menschen damit beschäftigt sind, „sich selbst zu finden“, während fast eine Milliarde Menschen verhungern.“ (das eine hat mit dem anderen nun wirklich nichts zu tun.)

„Bevor wir uns in kritiklose Abnehmer der Impulskräfte des Unterbewusstseins verwandeln, sollten wir wissen, dass das Unterbewusstsein nicht gerade etwas ist, das über jeden Zweifel erhaben wäre. Auf keinen Fall bringt es uns Menschen der Sphäre der Göttlichkeit in irgendeinem Sinne näher.“ (kein Kommentar)

„Warum gibt es keine positive Psychotherapie, in der man die Vergangenheit nicht nach Schäden und Lasten, sondern nach Kräften und Glück absucht?“ (gibt es, das ist Teil von nahezu jeder Form von Psychotherapie)

„Die Lehre von der Selbstfindung ist obszön, weil sie alles ausschließt, was uns als Menschen inspirieren könnte.“ (ich sage einfach mal: das ist schlicht nicht wahr, es gibt auch keine „Lehre von der Selbstfindung“, die mir bekannt wäre – außer vielleicht Zenbuddhismus, Yoga und ähnliches, was aber mit Freud eher wenig zu tun hat)

Na gut, ich weiß gar nicht, ob ich Lust habe, das noch weiter zu kommentieren. Vielleicht sollte ich darauf hinweisen, dass weder Freud noch irgendein ihm folgender Psychoanalytiker Menschen so gesehen hat wie Ruch es darstellt. Aber nun gut, zusammenfassend kann man sagen, dass Herr Ruch Psychotherapie nicht so gut findet, und die Patienten, die sich an Psychotherapeuten wenden für Schwächlinge hält. So eine Haltung kann man natürlich haben, wenn man sich damit gut fühlt, es ist nur etwas befremdlich, das in einem Buch zu lesen, das vorgibt, die Flagge des Humanismus hoch zu halten.

Es scheint so, dass Ruch glaubt, Leute würden zum Therapeuten gehen, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Die überwältigende Mehrheit derjenigen, die die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen, tun das aber nicht aus Langeweile, sondern wegen ziemlich realer Probleme, die man genauso wenig „wegstecken“ kann wie einen Beinbruch. Ruchs Hasstirade gegen die Psychoanalyse steht dabei in einem seltsamen Widerspruch zu seiner Behauptung, dass er, wenn es ein Gebot gäbe, das sich alle hinter die Ohren schreiben sollten, „Du sollst helfen.“ wählen würde. Ja, einverstanden, allerdings würde ich behaupten, dass die meisten Psychotherapeuten genau das versuchen. Die Selbstermächtigung des Menschen, die Ruch anderswo im Buch predigt, ist eigentlich genau das, was die Psychoanalyse oder andere Therapieformen anstreben – wie gesagt, er sucht sich die falschen Feinde.

Sind Freuds Thesen kritisierbar? Allerdings, und es ist nun nicht so, dass nach Freud keine weitere Ausdifferenzierung des Unbewussten mehr stattgefunden hätte. Witzigerweise folgt Ruch mit seinen „toxischen Ideen“ Freud dabei eins zu eins, da Freud schon 1917 als die drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit die „kosmologische Kränkung“ (Kopernikus, hier die Wissenschaft), die „biologische Kränkung“ (Darwin) und die „psychologische Kränkung“ (Freud selbst) ausmachte. Ruch nimmt das alles ein bisschen zu persönlich und erhebt sein Gekränktsein zum allgemeingültigen Prinzip.

So, nachdem Philipp Ruch lang und breit seine Missverständnisse über diverse Ideen der Moderne zum Besten gegeben hat, frage ich mich natürlich, ob er vielleicht auch irgendwas gut findet. Ja, tut er. Zum Beispiel die Globalisierung. Dazu hat er zu sagen:

„Was ist so falsch an der Globalisierung, in der Menschen Handel betreiben und neue Märkte suchen, wie es schon die Hochkulturen der Antike getan haben?“

„Menschen wollen und müssen hassen. Aber allzu oft entscheiden sie sich für den altvorgedachten, schablonenhaften Widerstand. Das ist das Drama unserer Tage. Wir wiegen uns allzu sicher in einem Hass auf den Kapitalismus.“

Dieser Punkt kommt im Buch ziemlich weit hinten und wird nur relativ kurz abgehandelt, bevor Ruch sich wieder seinem Hass auf die Psychoanalyse zuwendet. Ich muss gestehen, dass ich spätestens bei Sätzen wie „Was ist so falsch an der Globalisierung?“ und „Menschen wollen und müssen hassen“, mich doch gefragt hab, in was für eine seltsame Ideologie ich da hineingeraten bin.

Es ist so, dass Ruch sich zu Recht über Waffenexporte an Diktaturen ärgert, aber irgendwie frage ich mich schon, wie er nicht auf die Idee kommt, dass das möglicherweise doch etwas mit Kapitalismus und einem Gewinnstreben ohne Rücksicht auf Verluste zu tun haben könnte. Falls sich dieser Gedanke in sein Gehirn geschlichen hat, sagt er ihn nicht. Er sagt:

„Die drei größten Massenmörder der Geschichte waren sich einig im Kampf gegen den Kapitalismus.“

Wir sollen für den Kapitalismus und die Globalisierung eintreten, weil Stalin dagegen war? Genauso gut könnte man fordern, dass jeder so viel Fleisch essen soll wie möglich, weil Hitler sich vegetarisch ernährt hat.

Gut findet Ruch auch die Antike. Er hat allerdings ein Problem mit dem Orakel von Delphi: „Der delphische Orakelspruch sollte nicht Erkenne dich selbst! lauten, sondern Bezeichne dich selbst! Bezeichnen ist immer schon interpretieren.“ Nimm das, Delphi! Nun gut, Selbsterkenntnis ist für Ruch grundsätzlich verdächtig, insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass er glaubt, das Orakel von Delphi schulmeisterlich korrigieren zu müssen.

Das dritte, was Ruch toll findet, ist, wenig überraschend, Schönheit, auch wenn diese Vorliebe in einem offensichtlichen Widerspruch steht zu der Negativität, die er über weite Strecken des Buches verbreitet.

Schönheit ist für ihn dabei vor allem ein überwältigendes Erlebnis, ein Erlebnis, das so großartig ist, dass danach nichts mehr ist wie es war. Für Ruch sind die meisten von uns nicht in der Lage, so ein Erlebnis zu haben, weil wir von den toxischen Ideen der Moderne und unserer Kapitalismuskritik verblendet und verödet sind. Aber eine schöne Aktion habe zumindest potentiell die Kraft, uns aus dem toxischen Umfeld unserer geistigen Verrohung in einen Zustand von ich weiß auch nicht was zu katapultieren. Ruch spricht dann blumig vom „Erdbeben der Schönheit“ und so weiter. Ja, er macht es einem nicht leicht, ihn ernst zu nehmen. Aber hier schließt sich wieder der Kreis zu meiner Ausgangsfrage. Ich bin überzeugt, dass für einen normalen Durchschnittsbürger des dritten Reichs der Nürnberger Parteitag ein „Erdbeben der Schönheit“ ausgelöst hat. Nun wendet sich Ruch ausdrücklich gegen Diktaturen und verteidigt hartnäckig und tapfer die Demokratie, die Menschenrechte überall und für jeden, aber nichtsdestotrotz dienen die Inszenierungen von Macht, die man in Diktaturen vorfindet, genau dem gleichen Zweck, den Ruch der Schönheit zuspricht: eine Überwältigung des Zuschauers oder des Teilnehmenden. Natürlich ist es ein Unterschied, für welche Inhalte man diese Mittel benutzt, aber ein gewisses Unbehagen bleibt dennoch.

Nun gut, was bleibt zu sagen? Ich für meinen Teil finde die Ideen der Moderne eigentlich ganz gut, auch wenn es da natürlich, wie in allen Bereichen des Lebens, gelegentlich Holzpfade gibt. Aber ich sehe nichts Schlechtes daran, nach Erkenntnis zu streben. Ich sehe nichts Schlechtes daran, wenn sich die Menschen nicht mehr für den Mittelpunkt des Universums halten. Ich sehe nichts Schlechtes daran, sich auf die Suche nach so etwas wie einem authentischen Selbst zu machen, sondern halte das für ein lohnendes Abenteuer. Ich halte es für unbedingt notwendig, den Kapitalismus zu kritisieren und darüber zu diskutieren, wie man unser Wirtschaftssystem menschenfreundlicher gestalten kann. Ich glaube nicht, dass die Ideen der Moderne, die Ruch kritisiert, dafür verantwortlich sind, dass das Leben heute vielen Leuten schwer fällt.

Schade. Das Buch wäre eine Gelegenheit gewesen, die Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ auf eine theoretische Grundlage zu stellen. Aber wenn das Buch diese Grundlage sein soll, will ich lieber nichts damit zu tun haben.

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  1. JosefK. permalink
    Februar 8, 2016 7:05 pm

    Ich bin hierhergekommen per Suchmaschine wegen dem Zitat: „Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.“ – Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Das Buch Ruchs ist inzwischen online auffindbar.

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