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Anne Theresa de Keersmaeker/Rosas – Verklärte Nacht

Dezember 18, 2015

Zur Vorweihnachtszeit gibt es im HAU2 die „verklärte Nacht“, eine Choreographie von Anne Theresa de Keersmaeker zum gleichnamigen Frühwerk von Arnold Schönberg, das wohl eine Vertonung eines Gedichts von einem gewissen Richard Dehmel ist. Im Gedicht geht es darum, dass eine Frau mit ihrem Lebensgefährten darüber redet, dass sie ein Kind von einem anderen Mann bekommt. Er entschließt sich, ihr zu verzeihen und das Kind als sein eigenes anzunehmen. Das ist alles. Es ist nicht schlecht, den Plot zu kennen, um den naturgemäß abstrakten Tanz mit dem konkret gemeinten Inhalt füllen zu können. Andererseits habe ich den Inhalt erst nachträglich recherchiert, und es ist auch kein Problem.
Ich fange mit dem an, worüber ich nicht so sicher bin, ob ich es an dem Abend gut finde. Es gibt wohl bereits eine Version des Schöneberg Stückes von de Keersmaeker aus dem Jahr 1995, wo das Ganze von sechs Paaren getanzt wurde. Die überarbeitete Variante wird jetzt von drei – oder eher zweieinhalb – Tänzern getragen. Wir haben es mit einer kahlen Bühne zu tun, die von einem Scheinwerfer so halb beleuchtet wird. Diese Reduktion folgt wohl erstmal der Annahme: Weniger ist mehr, und ich kann mir sogar vorstellen, dass das im Vergleich zur mir unbekannten Originalversion ziemlich gut funktioniert, weil die dramatische Konstellation so sehr dicht und konzentriert wird. Es ist einer der Abende, wo der Blick nicht über die Bühne schweift und man unmöglich alles aufnehmen kann, was geschieht, sondern alles ist fokussiert auf das eine Paar (Cynthia Loemij und Bostjan Antoncic, mit kurzen Auftritten von Nordine Benchorf, der mutmaßlich den Kindsvater darstellt, wenn man dem Plot des Gedichts folgt).

Mit ein bisschen guten Willen kann man vermutlich auch begründen, warum es nur einen Scheinwerfer gibt, sagen wir, die Idee ist: es ist Nacht, das einzige Licht, das im Gedicht wiederholt genannt wird, ist der Mond, ergo: ein Scheinwerfer. Vermutlich kann man auch begründen, warum die Tänzer gelegentlich den Lichtkegel verlassen und nur schemenhaft erkennbar im Halbdunkel tanzen.
Aber wir sind in Berlin, in der „arm aber sexy“ Zone und wenn ich ein Stück ohne Bühnenbild mit nur einem Scheinwerfer sehe, ist mein erster Gedanke: da hat wohl das Geld nicht gereicht für eine zweite Lampe. Das ist hier vermutlich nicht der Fall, das HAU hat ja sicher noch den ein oder anderen Scheinwerfer irgendwo rumliegen; die sparsame Beleuchtung ist also Absicht und ergibt auch Sinn, aber trotzdem sitze ich am Anfang grummelig da und denke: mit dem Licht hättet ihr euch doch ein bisschen mehr Mühe geben können.
Gut, das ist keine sehr gewichtige, sondern eine bei genauerem Hinsehen unhaltbare Kritik, aber egal, der Gedanke war da. Kritikpunkt Nummer 2: Das Ganze ist mit knapp 45 Minuten doch recht kurz, was auch ein Kritikpunkt ist, der besagt, ich hätte gerne noch mehr gesehen, also ein verstecktes Lob. Ich habe auch schon Stücke von Anne Teresa de Keersmaeker gesehen, die zwei Stunden lang waren und sich anfühlten wie vier. Das ist hier definitiv nicht der Fall, man hat es mit sehr kurzen 45 Minuten zu tun.
Davon abgesehen merke ich, dass es eine Erleichterung ist, ein Stück zu sehen, bei dem sich eine Choreografin ein Musikstück vornimmt und dazu eine ernsthafte, sinnvolle, narrative Choreographie macht. Meiner Meinung nach sollten gerade junge Choreographen zwei Jahre lang nur so etwas machen, einfach um sich das Handwerk so einigermaßen zu erarbeiten. Abgedrehte Improvisations und Authentic Movement Experimente kann man danach immer noch machen, und die stehen dann auf einer anderen Basis. Für den Zuschauer sind Stücke, in denen einfach zu Musik sinnvoll und gut getanzt wird, immer schön. Davon gibt es eher zu wenig als zu viel. Anne Teresa de Keersmaeker weist dann im Programmheft auch darauf hin, dass es sich um eine Hommage an das klassische Handlungsballett handelt, wo eben genau das passiert. Ballett wird bei „verklärte Nacht“ nicht getanzt, aber es gibt Ballett-Zitate, manchmal in der Beinarbeit, wo man diverse Ronde de jambes und ähnliches sehen kann, gelegentlich eine Armhaltung, die sich aus dem Ballett in den Abend geschlichen hat, sowie gefühlige Mimik der Tänzer. Insgesamt kommt man als Zuschauer nach einiger Zeit in eine angenehme Konzentration, was vermutlich auch daran liegt, dass die Choreographie sehr gut auf die Musik abgestimmt ist. Und sobald sich die Tänzer ein bisschen warmgetanzt haben, sind die ebenso wie die Zuschauer im Fluss, also jedenfalls ging mir das so, ich kann natürlich nicht für jeden Zuschauer sprechen.
Wie dem auch sei: Es gibt da nichts zu kritisieren, sondern das ist ziemlich perfekt, durchaus fesselnd und anrührend. Viel mehr gibt es gar nicht zu sagen. Cynthia Loemij hat, um das noch zu erwähnen, nur an diesem Abend (dem 17.12) getanzt, an allen anderen Abenden übernimmt Samantha van Wissen die Rolle. (Irgendwie haben Rosas Tänzer/innen bizarre Namen…)

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