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Staatsballett Berlin – Herrumbre

Februar 14, 2016

Ach, das Staatsballett.

Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, was das Staatsballett braucht, um erfolgreich mit finanziell und personell ähnlich ausgestatten Häusern zu konkurrieren (also sagen wir: Royal Ballet oder Pariser Oper), hätte ich vermutlich zwei Dinge genannt:

1. Dringend gleichwertigen Ersatz für die Semionov/a Geschwister finden.
2. Abendfüllende ambitionierte Ballett(!)ur(!)aufführungen.

Was ich auf keinen Fall gesagt hätte, ist: Das Staatsballett Berlin braucht unbedingt die Wiederaufnahme eines 12 Jahre alten Nacho Duato Stücks über die Terroranschläge von Madrid und den erbärmlichen Zustand der Welt im allgemeinen, das man dann mit dem unwiderstehlichen Slogan: „Wenn die Seele Rost ansetzt“ bewerben kann.

Schnitt. Zwei Jahre später.

Die Situation bei den ersten Solisten ist so, dass wir fünf erste Solistinnen haben, von denen zwei mehr oder weniger außer Dienst sind, des weiteren drei männliche erste Solisten (also weniger als beim Weggang von Vladimir Malakhov).
Uraufführungen gibt es selten, und wenn doch, dann in zwanzig Minuten Häppchen. Dabei handelt es sich nicht um Ballettstücke, sondern eher um Modern Dance Geschichten. Außerdem gibt es die Wiederaufnahme eines zwölf Jahre alten Nacho Duato Stücks über die Terroranschläge von Madrid und den erbärmlichen Zustand der Welt im allgemeinen, das mit dem unwiderstehlichen Slogan: „Wenn die Seele Rost ansetzt“ beworben wird. Das Stück heißt „Herrumbre“ („Rost“ – daher der Slogan, der eine so verführerische Vorlage für Verrisse liefert, dass man eigentlich widerstehen muss).

Herzlich willkommen in der zweiten Spielzeit unter Nacho Duato.

Ein paar Fragen lassen sich anhand von „Herrumbre“ schon beantworten. Zum Beispiel die Frage, warum es offenbar kein Interesse gibt, die freien Stellen bei den ersten Solisten zu besetzen. Die Antwort scheint zunächst zu sein, dass Nacho Duato für seine Art Tanztheater schlicht keine ersten Solisten braucht. „Herrumbre“ ist ein Ensemble Stück, für das keiner der Tänzer irgendwelche herausragenden Fähigkeiten zeigen muss. Am Premierenabend finden sich dann auch erheblich mehr erste Solotänzer/innen des Staatsballetts im Publikum als auf der Bühne (Anzahl der ersten Solisten auf der Bühne: 0; im Publikum gesichtet, ohne zu suchen: 3). Und sie werden auch auf der Bühne nicht unbedingt gebraucht.

Die zweite Begründung für das mangelnde Engagement bei der Einstellung (oder Beförderung) herausragender Tänzer hat Nacho Duato selbst schon mehrmals gegeben, nämlich dass er klassisches Ballett nicht mag, und klassisches Ballett ist die einzige Tanzform, für die die strenge Hierarchie einer Ballettkompagnie tatsächlich sinnvoll ist.
Nun habe ich Sympathien dafür, dass man diese Hierarchie mit allen damit verbunden unschönen Begleiterscheinungen nicht gut findet, aber wenn man eine kleine Kompagnie mit flachen Hierarchien bevorzugt, sollte man einfach nicht Chef einer der größten Ballettkompagnien Europas werden – wobei sich natürlich die Frage anschließt, warum er überhaupt gefragt wurde.
Nacho Duato hat nie einen Hehl daraus gemacht, welche Art von Tanz er mag und welche nicht, wenn die Verantwortlichen ihn also einstellen, wird man fragen dürfen, ob es politisch gewollt ist, aus dem Staatsballett so eine Art Tanztheater Wuppertal (ersetze Pina Bausch durch Nacho Duato) zu machen. Dazu braucht man freilich keine 80 Tänzer starke Kompagnie, der drei Opernorchester zur Verfügung stehen. Und so etwas wie das Tanztheater Wuppertal, das heißt, eine zeitgenössische Kompanie mit einer herausragenden, weltweit beachteten Choreographin, könnte Berlin sehr viel billiger mit Sascha Waltz haben, wenn deren Tanztruppe finanziell ihrem Ruf entsprechend ausgestattet wäre.

Da ich all das weiß, und Nacho Duato deshalb eigentlich keine Vorwürfe machen kann, – warum ärgere ich mich trotzdem über Herrumbre? Nun, bei mir ist es so: wenn ich in ein Tanzstück gehe, habe ich, ob es mir passt oder nicht, vorher eine gewisse Erwartungshaltung darüber, was auf mich zu kommt. Ich versuche meistens, mich von dieser Erwartungshaltung frei zu machen, aber das gelingt leider nicht immer.

Bei Herrumbre war meine Erwartungshaltung: Stück über Folter und Terror, also vermutlich karge Bühne, vielleicht so eine Art Gerüst wie bei „Vielfältigkeit/Formen der Stille und Leere“, von den Bewegungen her wird man, befürchte ich, sich auf dem Boden krümmende Tänzer sehen, zuckende Gestalten, vielleicht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, was dann an gefesselte Folteropfer erinnern soll. Aufgelockert wird das wahrscheinlich durch gelegentliche Duette und Solopassagen, vermutlich leicht aggressiv getanzt, weil es in den Duetten um Machtverhältnisse geht. Alles barfuß getanzt. Musik: vermutlich getragen, dräuend apokalyptisch. Das sind so die ersten Gedanken auf die ich gekommen bin, und siehe da: das Stück ist genau so.

Nun erwarte ich nicht von einem Tanzstück, dass es da Dinge zu sehen gibt, die ich noch nie gesehen habe. Das passiert häufiger im ersten Jahr als Tanzzuschauer, danach eher weniger. Aber ich erwarte schon, dass ich mehr zu sehen bekomme, als die Umsetzung dessen, was ich selbst nach einem knappen Brainstorming, bestehend aus diversen Klischees, die ich schon x-mal gesehen habe, zusammen bekommen hätte. Dass es dann in einem Stück keinen einzigen Moment gibt, der für mich irgendwie unerwartet oder überraschend wäre, ist dann schon relativ selten. Was mich an Herrumbre also vor allem ärgert, ist, dass das Stück doch ziemlich langweilig ist. Und gelegentlich musste ich während der Aufführung an diesen Woody Allen Witz aus Annie Hall denken: Zwei alte Damen sitzen in einem Restaurant. Die eine sagt: Mein Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich. Darauf die andere: Ja, und diese kleinen Portionen!
Denn: ein guter Platz kostet 70 Euro für 60 Minuten Tanz mit Musik vom Band. In der schlechter subventionierten freien Szene habe ich schon erheblich bessere 60minüter für knapp ein Drittel des Eintrittspreises gesehen.

Kurz gesagt: ich bin verärgert. Ich bin verärgert darüber zu viel für zu wenig gezahlt zu haben, ich bin verärgert über den Mangel an Originalität, die Erwartbarkeit, letztlich auch darüber, dass das Thema für mich in keiner Weise eindringlich spürbar wird, was natürlich auch an meiner Abgestumpftheit liegen kann. Aber mir erscheint das Stück seltsam unterspannt und richtungslos, gerade gemessen an anderen Stücken zum gleichen Thema. Ich will gar nicht von Hofesh Shechters „Political Mother“ sprechen (hier zum x-ten mal verlinkt – progressive Death Metal und Tanz, das ist die angemessene Form zum Thema!), aber sagen wir Toula Limnaios „Wut„, nicht gerade mein Lieblingsstück, das aber doch mehr Zug entwickelt als „Herrumbre“.
Gibt es auch gute Momente? Nun, hin und wieder schon, das ein oder andere Duett wird durchaus schwungvoll über die Bühne gebracht, aber es gibt eigentlich nichts Herausragendes, das mir im Gedächtnis haften geblieben wäre. Naja, vielleicht zwei Sachen: in der einen wird in einem Männertrio ein Tänzer gewissermaßen zu Tode getanzt (symbolisch für gefoltert) – nicht originell, aber da hat das Stück dann eine gewisse, dem Thema angemessene Härte, – und es gibt eine Gruppenchoreographie, ebenfalls für die männlichen Tänzer, in der doch eine ganz gute Dynamik entsteht, die aber nicht lange anhält.

Erstaunlicherweise kommt es mir so vor, dass die Tänzer die Choreographie über weite Strecken mehr oder weniger routiniert runtertanzen, was für ein Stück, das als die große Saisonpremiere angekündigt wurde, doch ein bisschen bedenklich ist. Andererseits wüsste ich aber auch nicht, wo sie Gelegenheit gehabt hätten, besonders zu glänzen.

Nun gut, am Ende gab es durchaus wohlwollenden Applaus, es scheint also ein paar Zuschauer gegeben zu haben, die den Abend weniger griesgrämig erlebt haben als ich. Sympathisch ist das Engagement des Staatsballetts für die Menschenrechte im Kontext der Aufführung. Am Ende bekommt man dann auch die „Universal Declaration of Human Rights“ in die Hand gedrückt. Das zumindest kann man als bleibenden Wert mit nach Hause nehmen.

Das wäre eigentlich ein hübsches Schlusswort, doch angesichts der Situation, in der sich das Staatsballett aktuell befindet, sollte ich vielleicht noch darauf hinweisen, dass Berlin das Staatsballett als voll funktionsfähige Ballettkompagnie braucht, die mit finanziell und personell ähnlich aufgestellten Häusern in London oder Paris konkurrieren können sollte/muss. Die Tänzer sind klassisch ausgebildet, also sollte man sie auch klassisch tanzen lassen. Wozu trainieren die Tänzerinnen jahrelang, wenn sie dann die Spitzenschuhe in der Garderobe lassen müssen? Das Tanztheater von Nacho Duato hat natürlich eine Daseinsberechtigung, aber das Staatsballett ist dafür meiner Meinung nach nicht der richtige Ort; – dieser Kritikpunkt würde weniger stark ins Gewicht fallen, wenn „Herrumbre“ wenigstens eine für das Ensemble entwickelte Uraufführung gewesen wäre, aber das war nicht der Fall. Es ist ein bisschen beunruhigend, dass man die Frage, wohin sich das Staatsballett unter Nacho Duato entwickelt, nach dem Abend möglicherweise sogar beantworten kann (Duato Variante des „Tanztheater Wuppertal“ – das mit besserem Ausgangsmaterial trotzdem keine gute Figur zu machen scheint), aber irgendwie will man das lieber nicht wahr haben.

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