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Christoph Winkler – Urban Dance Café

März 19, 2016

Im Ballhaus Ost hatte nun Christoph Winklers „Urban Dance Café“ Premiere, ein Solo Stück „von und mit“ Aloalii Tapu. Der exotische Name des Performers mag schon einen Hinweis darauf geben, dass er nicht in Buxtehude geboren wurde, sondern in diesem Fall in Neuseeland, wobei er wohl samoanischer Abstammung ist. Samoa wurde ja vor nicht allzu langer Zeit auch in Jochen Rollers Stück „Them and us“ behandelt. In Jochen Rollers Stück ging es vor allem um die gemeinsame Geschichte von Deutschland und Samoa. Samoa war ehemals eine deutsche Kolonie, Samoaner wurden wie alle Nicht-Europäer in den berüchtigten Völkerschauen ausgestellt und waren Thema in Parlamentsdebatten, die damals noch offen rassistisch waren, also offener als der heute übliche „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Rassismus, der durch Thilo Sarazin populär gemacht wurde. Die Überlegenheit der weißen Rasse war damals Konsens (natürlich vor allem bei Vertretern dieser „weißen Rasse“) und heute schämt man sich deshalb gelegentlich für die Ahnen. Darum also ging es bei Jochen Roller, und die Aufführung damals bestand im wesentlichen aus Videoaufnahmen, die drei Tänzer aus Samoa auf Deutschlandreise zeigten, Rassismuszitaten aus der Kolonialzeit, die in der Regel als Texte eingeblendet wurden vor Straßen, die nach demjenigen, der zitiert wurde, benannt waren. Die Videos wurden unterbrochen von Tanzeinlagen, wobei die Tänzer aus Samoa den immer gleichen Tanz zu unterschiedlicher Musik zeigten: eine Art samoanischen Volkstanz, der seltsamerweise stark an den bayrischen Volkstanz, der unter dem Namen „Schuhplattler“ allgemein bekannt ist, erinnerte.

In „Urban Dance Café“ haben wir es mit einer ähnlichen Struktur zu tun. Das politische Thema spielt aber keine besonders große Rolle. Stattdessen geht es eher um die in Anekdoten erzählte Geschichte eines jungen Mannes, der nach Europa kam, dort in Royston Maldoons Sacre Projekt mittanzte und daraufhin beschloss, zeitgenössischer Tänzer zu werden, wozu man dann ein paar Kommentare seiner Mutter oder von einem Freund auf Video bekommt. Wenn man so will, ist „Urban Dance Café“ eine Art Personality Show, in der sich Videos, erzählte Passagen und Tanz abwechseln.

Aloalii Tapu zeigt tänzerische einerseits diesen aggressiven Maori-Tanz, den ich zumindest in Fernsehbeiträgen über Neuseeland oder behind the scenes Material von „Herr der Ringe“ kenne (und der, glaube ich, nur von Männern getanzt wird). Also ein breitbeiniges Aufstampfen, schlagen auf Brust und Oberschenkel, Zunge rausstrecken, kombiniert mit einer Art Sprechgesang. Wenn man das als Ausgangspunkt nimmt, entstehen dann innerhalb der Aufführung Querverweise, zum Beispiel zu American Football, einer Sportart die ja auch großen Gefallen am Inszenieren von rauer Männlichkeit findet, und die sich in Neuseeland wohl großer Beliebtheit erfreut. In der Aufführung taucht American Football in Form eines Spielberichts Australien gegen Neuseeland auf.

Andererseits sieht man meist einen Tanzstil, der unter dem Gummibegriff „zeitgenössisch“ laufen könnte, hier aber deutlich urban Dance beeinflusst ist, was auch immer das heißen mag.

Die Form ist dabei so, dass wir erst den Tanz sehen, dann verlässt Tapu die Tanzhaltung und erzählt in entspanntem Konversationston, was er gerade zu erzählen hat – Gedanken über Männlichkeit, über Tanz in Neuseeland (wo man sich, zumindest bei Maoritänzen) wohl nie anfasst beim Tanzen, Einflüsse von westlichem Tanz – Steve Paxton und Pina Bausch, um konkret zu werden.

Die Tanzpassagen beziehen sich in der Regel auf die Einflüsse – es beginnt mit einer Sacre du Printemps Variante, geht weiter mit einem Pina Bausch inspirierten Tanz, zu einer Widmung an Steve Paxton und schließlich neuerer Popmusik. Das Finale bildet schließlich der Versuch, eine Aufführung, die er vorher als Traumvorstellung beschrieben hat, zumindest so gut es im Ballhaus Ost geht anzudeuten, durch die Anwesenheit einer Waschmaschine und eines Wäschetrockners, aus dem Blätter auf die Bühne regnen.

Interessanterweise hatte ich unmittelbar nach der Aufführung den Eindruck, dass Tapu, egal zu welcher Musik, eigentlich immer das gleiche getanzt hat (wenn man von dem erwähnten Maori Kriegstanz absieht) – ein Eindruck, der sich mit etwas Abstand eigentlich als falsch erweist, also was er zu Strawinsky gezeigt hat, unterschied sich schon stark von dem, was man dann zu Taylor Swift geboten bekam. Insofern ist der Eindruck der Gleichförmigkeit ein bisschen seltsam. Meine Arbeitsthese ist für den Moment, dass sich ein Tänzer vor allem in Improvisationen im Zweifelsfall auf Techniken zurück ziehen wird, die er gelernt hat und die gewissermaßen das sichere Fundament seines Zugangs zu Tanz bilden. Ein improvisierender Balletttänzer wird immer Ballett als Ausgangspunkt nehmen, und das wird man sehen. Ballett ist für jemanden mit entsprechender Ausbildung die Technik, die Sicherheit verspricht in unsicheren improvisierten Tanzformen.

Für Aloalii Tapu ist Ballett natürlich nicht die Basis, sondern eben eher zeitgenössischer Tanz. Zeitgenössischer Tanz ist natürlich etwas zu allgemein, also sagen wir: Hip Hop, was auch sehr allgemein ist. Ich kenne mich mit den unterschiedlichen Hip Hop Techniken nicht übermäßig gut aus. Popping, Krumping, sowas in der Art. Die Art zu tanzen zeichnet sich in der Regel durch meist kleine, isolierte Bewegungen aus, also so etwas wie: Schulter klappt nach vorne und wird dann von der Hand wieder zurück nach hinten geschoben, was man auch mit jedem anderen Gelenk innerhalb dessen Bewegungsspektrums machen kann.

Das klingt ein bisschen obskur, weil die Techniken mit denen man es zu tun hat, nicht ganz so gut definiert sind, wie zum Beispiel im Ballett. Da aber jeder gezeigte Tanz im Grunde auf diesen Bewegungen basiert, entsteht der Eindruck von Gleichförmigkeit oder freundlicher ausgedrückt: es entsteht eben persönlicher Stil. Ballett hat ja den großen Vorteil, dass sich recht viele Leute ein paar Jahrhunderte lang an der Form abgearbeitet haben, eine Form die darüber hinaus von Anfang an für die große Bühne gedacht war, während bestimmte Formen des „urban dance“ erst zögerlich und in neuerer Zeit überhaupt für die Bühne nutzbar gemacht werden. Man wird sehen, wohin das führt und „Urban Soul Café“ ist aus tänzerischer Sicht ein Beitrag zu dieser Entwicklung. Mich haben die Berichte über die Stellung des Tanzes bei den Maori – wo Tanz als Bühnen- oder sonstige Kunst, gar nicht auftaucht, sondern offenkundig eher Teil von Festlichkeiten ist, eigentlich am meisten interessiert. Es ist eine dieser Tanzaufführungen, in der ich eigentlich gerne mehr gehört hätte, oder anders gesagt: mich die Erzählungen mehr interessiert haben als die getanzten Passagen. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Insgesamt hat man ist der Abend durchaus unterhaltsam, mit einem charmanten Hauptdarsteller. Nichts die beste Arbeit von Christoph Winkler, aber dennoch sehenswert.

Nach meinem letzten Staatsballettbesuch habe ich ja beschlossen, ein kleines Bewertungssystem für Aufführungen zu entwickeln, das in Zukunft sicher noch etwas ausgefeilter werden wird. Aber für’s erste geht es um folgende Faktoren jeweils bewertet auf einer Skala von 1 bis 10:

Kosten vs Leistung: 8 (sehr gut)
Unterhaltungswert: 7 (gut)
Tänzerischer Wert: 4 (befriedigend)
Performance: 6 (gut)
Dramaturgie: 5 (befriedigend)
Relevanz: 7 (gut)

Ich weiß, dass es irgendwie doof ist, Aufführungen so zu bewerten, aber es kommt mir so vor, dass es für mich selbst sinnig ist, mal ein paar Kriterien in meine Berichte einzuführen, die die besprochenen Aufführungen in einen für mich angemessenen Vergleichskontext setzen.

Verglichen mit Urban Dance Café wäre ein vergleichbares von Christoph Winkler betreutes Solo – in dem Fall Baader – so:

Kosten vs Leistung: 8 (sehr gut)
Unerhaltungswert: 9 (sehr gut)
Tänzerischer Wert: 9 (sehr gut)
Performance: 10 (perfekt)
Dramaturgie: 7 (gut)
Relevanz: 9 (sehr gut)

Na gut, ich experimentiere damit noch ein bisschen herum. Letztlich geht es natürlich darum, potentiellen Zuschauern einen einigermaßen angemessenen Eindruck dessen zu vermitteln, was sie zu erwarten haben. Spaßeshalber eine entsprechende Bewertung von Herrumbre am Staatsballett:

Kosten vs. Leistung (0 – 5 katastrophal bis befriedrigend, abhängig von der Preisklasse, in der man seinen Platz gefunden hat)
Unterhaltungswert: 6 (gut)
Tänzerischer Wert: 7 (gut)
Performance: irrelevant
Dramaturgie: 4 (gerade so befriedigend)
Relevanz: 7 (gut)

Vielleicht muss ich in dem Kontext noch ein paar Kriterien hinzufügen, wie Anspruch vs. Ausfrührung oder ähnliches, Relevanz oder was mir sonst noch einfällt. Relevanz gefällt mir gerade sehr gut. Also füge ich das mal hinzu.
Jochen Rollers „Them and us“ als Vergleich:

Kosten vs. Leistung: 8 (alles umd die 20 Euro für mindestens 60 MInuten wird ungefähr diesen Wert ergeben)
Unterhaltungswert: 8 (sehr gut)
Tänzerischer Wert: 6 (gerade so gut)
Performance: 9 (sehr gut – zu Performance zählen eben auch die Videoperformances)
Dramaturgie: 6 (befriedigend bis gut)
Relevanz: 8 (sehr gut)

Ich hoffe, dass ich das System in Zukunft noch ein bisschen verfeinern kann, für den Moment scheint es mir sinnvoll, etwas in der Art auf Tanzaufführungen anzuwenden, auch wenn das zu Beginn meiner Bloggertätigkeit ganz und gar nicht meine Intention war, irgendwelche Besucherempfehlungen zu geben, aber die Zeiten ändern sich.

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