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Lucky Trimmer 24

April 1, 2016

Zu Ostern gab es eine Ausgabe von Lucky Trimmer, die ich beinahe gar nicht bemerkt hätte. Es gab aber drei Tage vorher noch Karten, also bin ich natürlich hingegangen.
Mein großartiges Bewertungssystem, von dem zugegebenermaßen selbst noch nicht so richtig überzeugt bin, funktioniert hier natürlich nicht so richtig. Bei Lucky Trimmer hat man es immer mit einem sehr guten Preis/Leistungsverhältnis zu tun, und der Unterhaltungswert ist formatbedingt hoch.

Wie meistens gab es 7 Stücke, keines länger als zehn Minuten. Oder sagen wir 7 einhalb, denn der Abend beginnt mit einem Zusammenschnitt von ungefähr zweihundert Bewerbungsvideos. Für Lucky Trimmer 24 gab es, wenn ich mich richtig erinnere, 267 Bewerbungen. Die hohe Bewerbungszahl hat mich ziemlich überrascht. In dem Zusammenschnitt gab es dann auch gelegentlich Ausschnitte, von denen ich dachte: „Das würde mich interessieren“, aber das letzte Wort hat natürlich die Jury.
Die genauen Kriterien für die Auswahl kenne ich nicht, vermutlich wird der persönliche Geschmack der Juroren eine gewisse Rolle spielen, davon abgesehen einige offensichtliche Vorraussetzungen: für Umbaupausen ist wenig Zeit, ebensowenig für eine übermäßig aufwändige Lichtshow, da das Licht von den Lichtmenschen der Sophiensälen wohl an einem Tag komplett für die sieben Kurzstücke eingerichtet wird.

Lucky Trimmer ist aber nichtsdestotrotz eine gute Gelegenheit, sich einen gewissen Eindruck zu verschaffen, was gerade in der Tanzszene so anentwickelt wird. An Ausgabe 24 fällt dabei auf, dass der Einfluss von Urban Dance, im Gegensatz zu anderen Stücken, die ich in letzter Zeit gesehen habe, nicht sehr ausgeprägt ist. Es dominieren fließende Bewegungen in unterschiedlicher Form, teilweise mit deutlichen Yoga Einflüssen. Ich bin nicht sicher, ob Yoga gerade wieder hip ist oder wird, oder ob mir das nur so vor kommt, weil ich selbst gerade wieder versuche, ein bisschen Yoga zu üben, um besser in Form zu kommen.
Das erste Stück von Lucky Trimmer 24 ist natürlich sofort eine Ausnahme zu dem, was ich gerade gesagt habe.

monoLOG von Samuel Lefeuvre

monoLOG bezieht sich auf die „Log Lady“ eine Figur aus der Serie Twin Peaks, gespielt von einer gewissen Catherine Coulson, die vor einigen Monaten verstorben ist und ein eher schmales Oevre hinterlässt, das vor allem aus dem Frühwerk von David Lynch besteht.
Wir haben also Samuel Lefeuvre, dessen einziges Prop auf der Bühne eben ein Holzstück („Log“) ist und der dann einen Tanz aufführt, der technisch dann eben doch urban dance beeinflusst ist, aber seltsamerweise nicht so aussieht. Mich erinnert das eher an die Traumsequenzen in Twin Peaks, in denen auch manchmal getanzt wird, bevorzugt von Zwergen und Riesen. Die traumartige Atmosphäre bei Twin Peaks wird unter anderem durch eine seltsame Art zu sprechen hergestellt, als auch eben durch eine komische Art, in der sich die Leute bewegen. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Effekt unter anderem durch das Rückwärtsabspielen von Bewegungen und Sprache zustande kam. Also: die Schauspieler sprechen einen Text rückwärts und die Tonspur wird dann wiederrum rückwärts abgespielt, so dass man den beabsichtigten Text verstehen kann, er klingt aber irgendwie seltsam, als würde er von jemandem gesprochen, der zwar die Sprache kennt, der aber nicht genau weiß, wie genau er die Laute mit seinen Sprechwerkzeugen herstellen soll.
Samuel Lefeuvres Art in monoLOG zu tanzen ähnelt dieser Art zu sprechen. Die Bewegungen wirken vertraut, aber gleichzeitig seltsam verschoben und fremdartig. Wie genau dieser Effekt erreicht wird, weiß ich nicht. Sicher verstärkt die etwas unheimliche Soundkulisse (ebenfalls von Samuel Lefeuvre) den Eindruck. So oder so schaue ich mir das gerne an und es entsteht tatsächlich ein ziemlich guter Eindruck der unheimlicheren Sequenzen in „Twin Peaks“. Als Eröffnungsstück für die ja oft eher fröhliche Atmosphäre von Lucky Trimmer recht ungewöhnlich, aber ich bereite mich schon mal auf einen interessanten Abend vor.

„Wie soll ich das Erklären?“ von Dagmar Dachauer

Die Frage ist schon mal sehr gut und stellt sich natürlich auch jedem, der versucht, etwas über Tanz zu schreiben (oder über Musik). „Wie soll ich das erklären?“ ist wieder ein Solostück. Diesmal haben wir es mit Wiener Walzer von Johann Strauß zu tun, zu der aber kein Walzer getanzt wird, sondern eben eher zeitgenössischer Tanz, diesmal mit deutlichen Yogaeinflüssen, fließende Bewegungen, die der Musik überraschend gut entsprechen.
Mir gefällt die Idee, eine Musik zu wählen, mit der man vor allem eine spezifische Art zu tanzen assoziiert und eben anders dazu zu tanzen sehr gut und das funktioniert hier hervorragend. Da man durch das erste Stück schon auf Filmassoziationen eingestimmt ist, muss ich gelegentlich an den Weltraumwalzer aus 2001 denken. Das Stück ist witzig, weil es überraschend ist und trotzdem oder deshalb relativ zwingend und ziemlich ideal für das zehn Minuten Format.

Twilight von der Motimaru Dance Company
Nicht ideal für das zehn Minuten Format ist „Twilight“ von der Motimaru Dance Company, zumindest hätte das Stück noch eine gute Stunde länger sein können, es wäre interessant gewesen, was dann passiert. Die zehn Minuten, die man zu sehen bekommt, sind tendenziell minimalistisch, sehr langsam, fast meditativ und durchaus faszinierend.

Vorne links auf der Bühne sitzt eine junge Dame mit einer E-Geige und allerlei lustig leuchtendem Equipment, mit dem mutmaßlich der Soundtrack erzeugt wird. Auf der Bühne eher mittig sieht man in dämmrigem Licht einen amorphen Fleischklumpen. Bei genauerer Betrachtung macht man mit der Zeit drei Arme oder Beine aus, was den Schluss zulässt, dass es sich bei dem Fleischklumpen um mindestens zwei Tänzer handelt. Es sind tatsächlich zwei, die aber zunächst eben als Einheit auftreten, die Gesichter immer von ihren Haaren verdeckt. Im Laufe der zehn Minuten bewegen sie sich sehr langsam, was ungefähr so ist, als würde man einer Tulpe dabei zusehen, wie die Blüte sich mit den ersten Sonnenstrahlen öffnet. Als das dann geschehen ist, sind die zehn Minuten auch bereits schon um, während ich denke, dass das Stück jetzt eigentlich erst richtig los gehen müsste. Aber auch die zehn Minuten waren hübsch anzusehen und danach kommen wir zu etwas völlig anderem.

Totilas – der Ritt von Paul Hess

Wir haben ja schon allerlei Tanzformen gesehen, Menschen die Roboter imitieren, eine zeitlang schienen auch Insektenbewegungen interessant zu sein, insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis auch endlich die Bewegung von Pferden im Tanz behandelt werden würde. Paul Hess wagt sich nun endlich an dieses Thema heran. Es geht um die anscheinend herausragende Performance eines Pferdes namens Totilas, von dem ich natürlich noch nie etwas gehört habe. Was ich derweil weiß ist, dass es bestimmte Sportdisziplinen gibt, bei denen die Moderatoren oder Reporter dazu neigen, spontane Poetry Slams zu veranstalten – besonders zu erwähnen sind dabei Eiskunstlauf und eben Dressurreiten.

Paul Hess zeigt nun zu einer vermutlich bedeutsamen Performance des Pferdes „Totilas“ eben jene Performance als Mensch, während man dazu die entsprechende Fernsehsportreportage hört, komplett mit der unglaublich kitschigen Orchestermusik, die beim Dressurreiten für gewöhnlich läuft. Da Pferde keine Arme haben, ist die Performance vor allem durch die sehr überzeugende Beinarbeit gekennzeichnet. Lustig wird es vor allem dann, wenn das titelgebende Pferd Fehler macht, Paul Hess, aus seinem Pferdeschritt ausbricht, sehr zum Entsetzen des Reporters. Höchste Zeit, dass sich endlich jemand des Themas angenommen hat. Lustig und gleichzeitig formal tatsächlich sehr streng.

Untitled von Sofia Krantz

Ebenfalls formal streng ist „untitled“ von Sofia Krantz. Zur Abwechslung mal kein Solo, sondern ein Stück für fünf Tänzerinnen, die alle identische Kleidung und Haarteile tragen. Meistens wird synchron getanzt, dazu sehr stilisiert und in gleicher Tonlage geächzt und gestöhnt. Die Tänzerinnen sorgen so für ihren eigenen Soundtrack. Ich bin unsicher, ob mich das ganze mehr an einen Hexensabbat oder an ein Treffen durchgedrehter Androiden erinnert.

Die letzten beiden Stücke „Then, before, now, once more“ von Antonin Comestaz und „Red belt“ von Nadar Rosano behandele ich mal gemeinsam. Die Stücke ähneln sich formal, weil wir es beide mal mit Tänzern in Straßenklamotten zu tun haben, so gesehen ist das ziemlich puristisch. Ich persönlich bevorzuge es ja, wenn auch das ein oder andere theatrale Mittel angewendet wird. Natürlich gibt es auch puristische Stücke, die mir gefallen, ich habe aber noch nicht rausgefunden, wann das der Fall ist. Virtuosität spielt sicherlich eine Rolle. Beide Stücke sind kompetent getanzt, wollen aber nicht unbedingt den Zuschauer auf Biegen und Brechen beeindrucken. Um genaueres sagen zu können, müsste ich mir die Stücke noch einmal anschauen, wozu es aber erstmal keine Gelegenheit gibt.

Alles in allem wie immer bei Lucky Trimmer ein kurzweiliger Abend.

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