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Warum Yoga?

April 13, 2016

Nach ungefähr zwei Jahren relativer, körperlicher Untätigkeit aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen, habe ich beschlossen mich wieder der physischen Ertüchtigung zuzuwenden, und irgendwie bin ich bei Yoga gelandet.

Yoga begleitet mich als seltsames Hintergrundrauschen schon eine Weile, wobei ich eigentlich von Yoga als „spirituelle Wissenschaft“ gekommen bin. Die ersten Yoga Texte, die ich gelesen habe, waren Vivekanandas „Raja Yoga“ und Aleister Crowleys „Eight lectures on Yoga“. Beide haben mit dem Hatha Yoga, das heute im allgemeinen gemeint ist, wenn Leute von Yoga sprechen, nicht viel zu tun. Während Crowley sich diesbezüglich zurück hält, macht Vivekananda keinen Hehl daraus, dass er Hatha Yoga grundsätzlich ziemlich eklig findet. Das hat anscheinend geschichtliche und kulturelle Gründe, und als ich anfing, mich damit zu befassen – vor ungefähr 15 Jahren -, gab es, glaube ich, die Bücher noch gar nicht, die diesen seltsamen Widerspruch unter die Lupe nahmen (also z.B. Singleton: Yoga Body), oder wenn es sie schon gab, kannte ich sie nicht.

Wenn man jedenfalls aus der spirituellen Ecke kommt, ist man etwas irritiert, sobald man dann zum Iyengar Yoga, Ashtanga Yoga, Jivamukti Yoga oder Sonstwas Yoga geht, weil man es da doch vor allem mit Turnstunden zu tun hat, die mit sehr kleinen Prisen Spiritualität garniert sind – das heißt, es wird vorher ein bis dreimal „OM“ gesagt, gelegentlich gibt es kleine Geleitworte, die sich in der Regel auf Patanjali beziehen, die also versuchen, irgendwie eine Versöhnung zwischen Hatha Yoga und Patanjali/Vivekananda herzustellen; aber: im Rahmen einer asanazentrierten Praxis, bei der sich Vivekananda die Zehennägel hochgerollt hätten.

Vivekananda ist philosophisch, wissenschaftlich, mystisch orientiert, Hatha Yoga ist vor allem und zuerst eine oft sehr sinnvoll organisierte Körperpraxis, deren Ziel die Wiederherstellung oder der Erhalt von körperlicher Gesundheit ist. Nicht mehr und nicht weniger (zumindest traditionell, ich verlasse mich hier auf Singleton und Vivekananda). Ich nehme an, dass Hatha Yoga sich deshalb ganz gut in unsere westliche Fitnesslandschaft einfügt. Und wenn man ein bisschen auf sich aufpasst und Glück mit den Lehrern hat, hat man sogar ganz gute Chancen, dabei verletzungsfrei zu gesundheitsförderlichen Effekten zu kommen.

Gegenüber Tanzunterricht hat Hatha Yoga einige Vor- und einige Nachteile.
Die Vorteile sind, dass es außerhalb von Ballett schwierig ist, im Tanzunterricht eine kontinuierliche Übungspraxis zu etablieren. Oft hat man es mit Workshops zu tun, die sehr interessant und aufschlussreich sind, aber es ist, gerade wenn man kein Profitänzer ist, schwer, das dort Gelernte weiter zu vertiefen und zu erforschen. Wenn man beispielsweise zeitgenössischen oder modernen Tanz lernen will, wird man sich normalerweise an einen bestimmten Lehrer halten müssen, wenn man Wert auf Kontinuität legt, weil es wahrscheinlich ist, dass andere Lehrer teilweise erheblich anders unterrichten. Für einen untrainierten Körper stiftet das dann eher Verwirrung, statt dass man in seinem Bewegungsrepertoire flexibler wird – was vermutlich für Tänzer, die in einer oder mehreren Techniken bereits fit sind, eher der Fall ist. Beim Yoga, ähnlich wie Ballett mit einem überschaubaren Bewegungsvokabular ausgestattet, ist es sehr viel leichter, fortgesetzt eine Form zu üben.

Der Nachteil von Yoga besteht eben in jener etwas irritierenden Alibispiritualität, die mir oft ein bisschen behauptet vorkommt. Das ist bestimmt alles ehrlich gemeint, aber mir erscheint das Spirituelle im Hatha Yoga oft wie ein Fremdkörper in einer an sich körperlichen Praxis. In der Beziehung scheint mir der Ansatz am besten zu sein, dass die körperliche Praxis selbst unter Umständen für Leute, die daran interessiert sind, eine Tür zur Spiritualität öffnet. Etwas in der Art habe ich von einer sehr guten Ashtangalehrerin (ehemalige Tänzerin) gehört, die meinte, dass die Praxis irgendwann zwangsläufig spirituell wird (sprich: man das aber nicht unbedingt übers Knie brechen muss), und wenn ich BKS Iyengars Beschwerden darüber, dass seine Yogamethode gelegentlich als „zu körperlich“ abgetan wird, richtig verstehe, dann meinte er wohl etwas ähnliches.

Tanz scheint mir in diesem Punkt klarer zu sein. Die meditativen Anforderungen für einige Techniken – Visualisierung im Butoh oder bei Skinner Releasing Technique, Achtsamkeitsübungen in der Tanzimprovisation bzw. Contact Improvisation und so weiter – sind tatsächlich größer als beim Hatha Yoga, es wird aber nicht so ein großer Wind darum gemacht, sondern das ist eben einfach Teil der Technik. Dass das unter Umständen zu Erkenntnissen führt, die eher im Bereich der Metaphysik anzusiedeln sind, ist dann ein Effekt, der eben dazu gehört, aber nicht von der körperlichen Bewegung selbst getrennt ist.

Der Pragmatismus, mit dem man im Tanz an das Thema rangeht, findet sich im Yoga nicht so oft. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es im Tanz ganz bodenständig darum geht, eine bestimmte Technik auf ihre Tauglichkeit für die Bühnenperformance zu prüfen. Entweder es funktioniert, oder es funktioniert nicht.
Die Sinnhaftigkeit einer Yogahaltung in Frage zu stellen, scheint derweil im Yoga eher ein Tabu zu sein. So wird gemeinhin angenommen, dass es grundsätzlich gut für einen ist, einen Kopfstand ausführen zu können, obwohl es sehr wohl Leute gibt, die davon aus gesundheitlichen Gründen Abstand nehmen sollten. Das gleiche gilt sicher für viele andere Asanas auch. Man wird im Yogaunterricht gelegentlich zwar aufgefordert, auf seinen Körper zu hören, gleichzeitig ist man aber angehalten, Asanas auszuführen, die dem aktuellen körperlichen Zustand nicht entsprechen und an dem Punkt der Praxis auch nicht unbedingt gesund sind. Die Diskussion über Verletzungen durch Yoga kam aber erst in den letzten Jahren auf.

Spirituelle und meditative, sowie ethische Prinzipien werden in Yoga Klassen wenn überhaupt in Wortbeiträgen referiert. Ich will nicht ausschließen, dass einen das tatsächlich dazu inspirieren kann, einige dieser Grundsätze in das eigene Leben zu integrieren, aber es wirkt gelegentlich so, als hätte man es beim Spirituellen im Yoga mit dem Theorieteil zu tun, während die eigentliche Praxis eben eher Turnübungen sind. Im Tanzunterricht geht es gelegentlich um ethische Überlegungen, die aber praxisorientiert sind – sagen wir, wenn es um körperintensive Partnerarbeit geht, spielen Fragen wie Grenzüberschreitungen und Grenzen setzen eine Rolle – wenn man die eigenen Grenzen und die des Partners nicht kennt und in den Tanz mit einbezieht, kann man schlichtweg nicht miteinander tanzen. Man kann aber sehr wohl Yogaasanas üben, ohne dass einen ethisch problematische Ansichten dabei in irgendeiner Form behindern.

Die geistige Disziplin im Tanz hat in der Regel das Ziel, eine spezifische „Bühnenpräsenz“ zu erzeugen, und das ist ein Zustand, der mit Meditation, Aufmerksamkeit, Konzentration mehr zu tun hat als mit der Bewegung selbst. Die Bewegung wird dann gewissermaßen mit einer Form geistiger Energie aufgeladen. Yogaschüler würden das wohl „Prana“ nennen, Taoisten „Chi“ und Anhänger tibetanischer Spiritualität „Lung“. Ich bin aber sicher, dass es noch viele andere Worte dafür gibt. Wir sagen „Präsenz“, ein Begriff, der wesentlich unklarer definiert ist als die fern- und nahöstlichen Gegenstücke aus der Esoterik. „Präsenz“ bedeutet möglicherweise, eben ganz bei dem zu sein, was man gerade tut, sich nicht in die Vergangenheit oder Zukunft zu denken, sondern, den gegenwärtigen Moment mit allem zu füllen, was einem zur Verfügung steht und den Erfordernissen angemessen ist. Für eine gute Yogapraxis ist Präsenz nebenbei bemerkt genauso sinnvoll wie für eine gute Tanzpraxis.

Nun ist es nicht nötig, Tanz und Yoga gegeneinander auszuspielen, und ich verallgemeinere hier sehr, um ein paar Grundtendenzen klarer zu kriegen, und mein Unbehagen über einige Yogastile etwas genauer fassen zu können.

Wie dem auch sei, die beschriebenen Gründe führten dazu, dass ich mich lange nicht auf eine kontinuierliche Yogapraxis, abgesehen von einigen Sonnengrüßen zu Hause, einlassen konnte. Warum also jetzt? Nun, nach einer Phase der Untätigkeit und zunehmenden Verfettung, bin ich auf die Fitness und Wellnessflatrate somuchmore gestoßen und freute mich, weil da alle Tanzstudios, die ich jemals besucht habe, mitmachten, außerdem kann man Feldenkrais machen und eben sehr viel Yoga (und diverse andere Dinge, wie z.B. EMS Training, Kampfsport etc) und das nicht nur in Berlin, sondern auch in München oder Stuttgart.

Der größte Wettbewerbsvorteil von Yoga gegenüber Tanz ist, dass man Yoga praktisch immer praktizieren kann. Irgendein Yogastudio in der Nähe wird schon einen Kurs anbieten, der einem in den Zeitplan passt und das sogar am Wochenende. Und so machte ich mich auf den Weg in ein Bikramyoga Studio. Manche Bikramyogastudios heißen mittlerweile „Hot Yoga“, weil Herr Bikram Choudhury, der Namensgeber dieser Yogaart, etwas verhaltensauffällig geworden ist (am besten googelt man das selbst, weil man gar nicht weiß, wo man da mit Verlinkungen anfangen soll. „Bikram & Rape“ oder „Bikram & Trials“ sind ergiebige Suchbegriffe). Aber wenn man annimmt, dass Hatha Yoga eigentlich keinerlei moralische und/oder ethische Bildung beinhaltet, schien mir das erstmal nichts über die Wirksamkeit und Nützlichkeit der Methode auszusagen.

Davon abgesehen, wirbt Bikram Yoga damit, dass jeder es praktizieren kann, egal, wie dick, alt, oder krank man ist, solange man es ins Studio schafft. Dort hat man es mit einem Raum zu tun, der auf knapp 40 Grad aufgeheizt ist und mit einer Sequenz von Asanas, die immer auf die gleiche Weise geübt wird. Wenn man eine Übung nicht ausführen kann, gibt es (fast) immer vorbereitende Übungen, die einen über kurz oder lang zum Ziel bringen und die tatsächlich für jedermann machbar sind.

Vor den 40 Grad hatte ich natürlich Respekt, aber die immer gleiche Asanaabfolge kommt der Art, wie ich Bewegungen lerne (eben durch Wiederholung) sehr entgegen. Da ich außerdem schon bei der geringsten körperlichen Anstrengung Schweißausbrüche bekomme, fühle ich mich in eine Umfeld, in dem jeder schwitzt, als gäbe es kein Morgen, recht gut aufgehoben. Die Lehrer sind eher pragmatisch als guruartig (was aber auch außerhalb von Bikramyoga meistens der Fall ist), was ich gut finde, und es gibt sogar Spiegel, wodurch man die eigene Haltung wie im Ballettunterricht korrigieren, und überprüfen kann, ob der Bauch mittlerweile etwas kleiner geworden ist.

Wer mehr darüber wissen will, sei an das hervorragende Buch „Hell-bent“ von Benjamin Lorr verwiesen, in dem der Autor zwar nicht mit Kritik an Herrn Choudhury spart, aber auch keinen Hehl daraus macht, dass die Yogaart selbst gut funktioniert. Und da eben auch für unfitte, übergewichtige Leute geeignet, ist das die Form von Yoga, die ich gerade praktiziere. Mittlerweile habe ich mich auch etwas besser an das tropische Klima in den Räumlichkeiten gewöhnt, und bemerke langsame, aber kontinuierliche Fortschritte beim Ausführen der Übungen. Es wird sich zeigen, was dabei heraus kommt. Um Spiritualität geht es bei Bikram Yoga nur auf sehr subtile Weise, so wird einem gelegentlich empfohlen, den Unterricht als eine Körpermeditation zu nutzen, was auch gut funktioniert, wenn man sich darauf einlassen will und was außerdem sinnvoll ist, um die eigenen körperlichen Grenzen auf dem Schirm zu haben und gegebenenfalls Pausen einzulegen (was einem in der ersten Stunde ausdrücklich empfohlen wird und natürlich auch für nachfolgende Sitzungen gilt).

Aber ansonsten liegt der Fokus auf dem Erlernen der Asanareihe, die Übungen bauen sinnvoll aufeinander auf, die Umrahmung mit Pranayama Übungen hat tatsächlich übungsrelevante Gründe (am Anfang: den Körper von innen aufzuwärmen, am Ende, den Körper wieder runter zu kühlen), und es wird nicht einmal „om“ gesagt – allerdings ist es üblich, den Lehrer am Ende, wenn man bereits halb ohnmächtig im Savasana rumlümmelt, mit einem „Namaste“ zu verabschieden. Ich nehme an, die spirituelle Komponente stellt sich von allein ein, wenn die Zeit dafür gekommen ist… Und wenn nicht, kann ich mich ja auch mal wieder auf mein gutes, altes Meditationskissen setzen.

Das Thema ist damit natürlich nicht erschöpft. Fragen über Fragen: Wenn Hatha Yoga anscheinend historisch nichts mit Spiritualität zu tun hat, wie kommt es, dass es wohl das Bedürfnis gibt, den geistig spirituellen Aspekt körperlicher Arbeit doch mehr einzubinden, als – sagen wir – beim Fußball? Was hat das mit den Gurus auf sich (und warum scheitern viele, die Guru als Beruf gewählt haben, an den Anforderungen)? Was sind die gesundheitlichen Effekte? Ist es wirklich leichter, Yoga zu praktizieren, wenn man auf vegane Ernährung umsteigt? Und so weiter, und so weiter…

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