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Bikram Yoga Challenge

Mai 10, 2016

Eigentlich wollte ich ja ein paar Gedanken über „Yoga als Performance“ verfassen, aber als ich vorher eher nebenbei Anmerkungen über die 30 Tage Bikram Challenge sagen wollte, musste ich feststellen, dass diese Anmerkungen  länger gerieten als beabsichtigt. Also hier ein paar Worte zu oben genannter Challenge, die für mich vor einer guten Woche erfolgreich zu Ende ging. Challenge ist ein englisches Wort, das auf deutsch weniger knallig „Herausforderung“ heißt, bekannt in Bezug auf Duelle, Mutproben und ähnliches. Mittlerweile ist die Challenge ein ganz beliebtes youtube Format, wo man sehen kann, wie Leute smoothies (so eine Art trinkbares Pürrée) aus beispielsweise Sardellen, Schokolade, Erdbeereis und Corned Beef trinken, oder mit Gummibärchen, Salami und Smarties belegte Pizza essen.

Die Bikram Yoga Challenge ist weniger dekadent, und besteht einfach darin, 30 Bikram Hot Yoga Stunden in 30 Tagen zu absolvieren. Mit Stunde sind hier 90 Minuten gemeint.

Wenn man die Zeit hat, jeden Tag hin zu gehen, ist das, glaube ich, eine gute Sache, ich selbst war  allerdings im April fünf Tage nicht da und habe außerdem einen Tag verpasst, so dass ich an sechs Tagen so genannte „Doubles“ machen musste,  davon fielen vier auf die letzte Woche, ein Rhythmus, den ich für übergewichtige Raucher im Nachhinein eher ungeeignet finde. Die ersten zwei Tage der Double Woche gingen noch ganz gut, am dritten hatte ich dann Muskelkrämpfe, interessanterweise nicht während des Yogierens – ich nehme an, die Hitze verhindert das – sondern teilweise Stunden danach. Zwei Bikramstunden am Tag muss man eigentlich wie ein ordentlicher Sportler organisieren, also zusehen, dass man die nötigen Mineralstoffe, Magnesium und so weiter in ausreichender Menge zu sich nimmt, und das ist meine Sache nicht. Ich habe es dann trotzdem geschafft, aber zumindest die letzten drei Tage haben keinen besonderen Spaß gemacht, und ich kündigte schon mal vorsorglich an, vermutlich irgendeine der Stunden komplett in Savasana zu verbringen. Das habe ich dann natürlich nicht gemacht, aber Savasana war dennoch eine Haltung, die ich in den letzten Tagen der Challenge exzessiv geübt habe.

Savasana ist tatsächlich eine ziemlich komplizierte Haltung, weil vermutlich die einzige Yogahaltung, die komplett innerlich ist. Man liegt dabei einfach auf dem Boden. Bei Gelegenheit werde ich mehr dazu sagen, weil es an dieser Stelle nicht meine Absicht ist, Yogaasanas nach ihrem körperlichen und/oder esoterischem Gehalt zu untersuchen.

savasana

Savasana (Bild: solidglow.com)

Das Gute an Savasana ist, dass das Ganze körperlich nicht besonders herausfordernd ist, also auch machbar, wenn der Körper Bewegungen eher nicht mehr ausführen will.

Trotzdem möchte ich behaupten, dass ich schon aus einem gewissen Sportsgeist heraus, die Stunden doch immer so gut mitgemacht habe, wie ich konnte, wozu für mich auch gehört, mir die Kraft einigermaßen so einzuteilen, dass ich nach sechzig Minuten nicht komplett kollabiere.

Natürlich hatte ich gehofft, durch diese Challenge mindestens zehn Kilo abzunehmen, das ist nicht passiert, viel mehr als drei Kilo Gewichtsverlust sollte man wohl vor allem am Anfang nicht erwarten, mutmaßlich, weil auch Muskeln aufgebaut werden – wodurch Gewicht zugelegt wird, zumindest rede ich mir das der Einfachheit halber mal ein.

Die turnerischen Fortschritte sind bisweilen beeindruckender. So habe ich heute (eine Woche nach Ende der Challenge) es zum ersten mal geschafft, in der gefürchteten Kopf-auf-Knie Position (Janushirasana) das ausgestreckte Bein einmal über die gesamte geforderte Zeit von 60 Sekunden ausgestreckt zu halten, während ich normalerweise nach zehn, an guten Tagen zwanzig Sekunden, aus der Haltung rausploppe. Aber in der ersten Bikramstunde hatte ich schon Mühe, überhaupt meinen Fuß zu fassen zu kriegen, geschweige denn, das Bein dann zu strecken. Über kurz oder lang wird sich vermutlich sogar mal der Kopf dann zum Knie bewegen.

Standing-Head-to-Knee-Pose_2

Also bei mir ist das weniger elegant, aber von der Idee her ähnlich. Am Ende  soll das so aussehen:

Standing-Head-to-Knee-Pose_4

Am Anfang bleibt man in der Regel in der Vorbereitung stehen:

Standing-Head-to-Knee-Pose_1

(Bilder sind von Bikramyoga Vancouver)

Beim stehenden Bogen gelingt es mit mittlerweile auch ganz gut, den Fuß zu fassen zu kriegen, allerdings bin ich noch weit davon entfernt, im Spiegel sehen zu können, wie der Fuß dann hinter meinem Kopf zum Vorschein kommt.

„Der stehende Bogen“ (Dhanurasana) heißt in anderen Yogaarten auch gelegentlich „Natarajasana“, der Tänzer, eigentlich „Herr des Tanzes“ oder „Lord of the dance“. Der Titel bezieht sich hier nicht auf den berühmten irischen Tänzer Michael Flatley, sondern auf den indischen Gott Shiva, der den erwähnten Tanz aufführt, um das langweilig gewordenen Universum zu zerstören. Aber wie gesagt, ist es hier nicht meine Absicht, auf die einzelnen Yogapositionen weiter einzugehen. Hier reicht es zusagen: Dhanursasana gelingt mir immer noch sehr schlecht, aber viel besser als zu Beginn.

standingbow courtney mace

Foto: yoga-usa, glaube ich. Courtney Mace ist die Ausführende. Leider habe ich kein Bild von jemandem gefunden, der die Position auch nur annähernd so krumpelig ausführt wie ich, also dachte ich, ich nehme eins, in der das ganze extrem gut geturnt wird. Natürlich ist mein Oberkörper, wenn ich das versuche, nicht parallel zum Boden und selbstverständlich ist das gehobene Bein nicht getreckt und der Fuß relativ niedrig (also unterhalb des Kopfes, trotz relativ aufrechtem Oberkörper).

Der eigentliche Witz beim Bikramyoga – dass das ganze bei knapp vierzig Grad praktiziert wird – hat Vor und Nachteile. Ich finde es gut, den Raum warm zu halten, finde aber knapp über 30 Grad würden es auch tun. So ist es doch häufig so, dass meine Muskeln nach einiger Zeit keine Lust mehr haben, sich irgendwie zu engagieren, was mich gelegentlich etwas nervt. Manchmal will ich eine Übung beginnen, merke dann aber, dass das keinen Zweck hat. Ich persönlich bin ja der Ansicht, wenn man eine Übung ausführt, sollte man sie so gut ausführen, wie man kann, und sich nicht lasch alibimäßig hineinbegeben, und sobald ich merke, dass das gerade passiert, ist für mich die Zeit für den „japanischen Fersensitz“, wahlweise Savasana, gekommen, bis ich wieder einigermaßen bei Kräften bin. Der Kampf mit der Hitze zieht tendenziell Energie ab, die man eigentlich lieber für die Übungen hätte. Aber es gibt ja viele Leute, die das toll finden, ich für meinen Teil nehme es eher in Kauf, weil ich  die Übungssequenz ausgesprochen sinnig und hilfreich finde.

Man hört ja zu den 40 Grad gelegentlich, dass der Körper dadurch viel dehnbarer sei als sonst, aber ehrlich gesagt, die sagenhafte, erhöhte Dehnbarkeit fällt dann doch sehr gering aus, ich würde sogar behaupten, dass man nach zwanzig Minuten Sonnengrüßen mindestens genauso gut aufgewärmt und eher dehnbarer ist.

Zudem sind die Übungen am Anfang der Bikram Sequenz eigentlich zum Aufwärmen gedacht. In einem kühlen Raum wären sie nicht ausreichend, aber bei etwas über dreißig Grad schon. Aber egal, es ist nun mal so, wie es ist, und die Hitze ist natürlich Teil der „Challenge“. Für mich ist sie, muss ich zugeben, ein willkommener Vorwand, bei den Übungen leise vor mich hinzufluchen, zu ächzen und zu stöhnen. Ich finde, Yoga funktioniert irgendwie besser, wenn man dabei ab und zu „Scheiße“ oder für Anhänger englischer Einsilber „Fuck“ oder „Shit“ in seinen Bart murmelt – natürlich nur, wenn man dabei nicht vergisst, langsam und gleichmäßig durch die Nase zu atmen.

Der Atem ist dabei ein Aspekt, den man in der Hitze fast gezwungenermaßen schult. Die Erfahrung lehrt sehr rasch, dass man dem Körper irgendwie suggerieren kann, dass gerade alles ganz entspannt ist, wenn man sich dazu zwingt, entspannt zu atmen – und wenn der Atem außer Kontrolle gerät, lohnt es sich, eine Übung auszusetzen (Stehen, japanischer Fersensitz oder Savasana und gegen Ende der Stunde ungeordnetes kollabiertes Rumhängen), um das System per Atmung wieder zu beruhigen. Ich muss auch gestehen, dass ich es mir als dickleibiger Yogi gelegentlich erlaube, mir ein paar Übungen von schwangeren Mityoginis abzuschauen, die beispielsweise Bauchkompressionen unterlassen. Man muss dabei bedenken, dass viele Übungen eben für Leute, die dick, alt und unbeweglich sind, anstrengender sind als für jüngere, idealgwichtige Teilnehmer, zumindest vermute ich das. Anweisungen, die man nicht nur im Bikramyoga, sondern in eigentlich allen Asana orientierten Yogaformen zu hören bekommt, wie: „zieht den Bauchnabel an eure Wirbelsäule“, sind für Übergewichtige eher theoretisch, und man notiert sich das dann mal für die Zukunft, wenn man wieder schlank und in der Form seines Lebens ist. Ich vermute aber, dafür muss man – je nach Ausgangsverfassung – noch ein bis zwei Bikram Challenges drauf packen.

Abschließend lässt sich sagen, dass mir Bikram Yoga insgesamt ausgesprochen gut gefällt. Die Atmosphäre ist meistens entspannt und niemand lässt einen Zweifel daran, dass man da ist, um sich 90 Minuten lang zu quälen (nicht um besonders tolle spirituelle Erlebnisse zu haben). Allerdings werde ich wohl versuchen, aus der Bikramserie eine Art Home-Training für mich zu entwickeln, ein bisschen Ashtanga inspiriert, um das auch dann machen zu können, wenn ich keine Zeit habe, ins Studio zu gehen, und um zu überprüfen, wie gut man die Serie unter normalen Bedingungen machen kann, also ohne erhöhte Raumtemperatur.

Körperlich fühle ich mich nach der Challenge schon fitter, und gelegentlich kommt man auch bei entsprechender Konzentration in angenehm meditative Zustände. Allerdings muss ich sagen, dass Yoga im allgemeinen ja gerne mit Heilsversprechungen antritt, die oft ein bisschen übertrieben sind. Ja, sicher, jemand der jeden Tag drei Stunden lang Ashtanga Vinyasa Yoga trainiert, wird sicher signifikante Veränderungen in seinem Leben bemerken, jemand der jeden Tag Ballett, Modern Dance, Pilates oder Feldenkrais macht, wird vermutlich einen ähnlichen Effekt haben. Inwieweit die Heilsversprechungen von Bikram Yoga berechtigt sind, lässt sich derweil nach einer 30 Tage Challenge noch nicht sagen. Dafür ist wohl weiteres Training notwendig, dann wird sich zeigen, ob man als übergewichtiger, den ganzen Tag am Tisch sitzender Raucher in die Bikrammaschine einsteigen kann, und irgendwann als topfitter, nichtrauchender, gesundheitsbewusster Schlangenmensch wieder rauskommt.

 

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