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Performance als Yoga

Mai 14, 2016

Im Moment umkreise ich ja dieses komische Yoga wie ein rätselhaftes Artefakt vom Mars und weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. In meinem Kopf sitzt dabei ein kleiner Georg Feuerstein, der Sachen sagt, wie: „Es heißt DER Yoga“ und ähnliches, während ich denke: es sieht nicht aus, wie der Yoga, es sieht aus wie das Yoga und seltsamerweise von jeder Seite anders.

Vor ein paar Tagen bin ich auf einen kleinen Artikel im „Elephant Journal“ gestoßen. Dem Artikel ist ein Zitat von Pathabi Jois vorangestellt, das ungefähr lautet: „Yoga is an inner practice, the rest is circus“. Der Autor vertrat die Meinung, dass die Yoga Community mit dem Zirkus aufhören und sich wieder auf die innere Praxis konzentrieren sollte. Als Illustration beschrieb er einen Besuch in einem Zirkus, wo er eine beeindruckende gymnastische Vortellung zweier junger Frauen sah, die tatsächlich Übungen zeigten, die es so auch im Yoga gibt, und er sagte dazu: aber es war kein Yoga.

Mir war nicht ganz klar, woher er das wusste.

In dem sehr guten Buch „Light on Life“ beschreibt BKS Iyengar recht anschaulich und verständlich, wie eine Asana Praxis zur inneren Praxis wird. Wenn man von Yama und Niyama absieht (die im „sechsgliedrigen Yogapfad“ des Hatha Yoga weggelassen werden), beinhaltet laut Iyengar die Asana Praxis selbst alle anderen Yogadisziplinen. Der Ansatz ist mir relativ nah. Er bedeutet, dass man, um eine Asana richtig auszuführen, Konzentration braucht, dabei eine Verinnerlichung stattfindet, durch die äußere Einflüsse ausgeblendet werden, was dann in einen Zustand der Meditation übergehen kann, der wiederum im Idealfall zu so etwas wie „Samadhi“ führt, ein Wort das kompliziert ist und das man der Einfachheit halber wohl mit „Erleuchtung“ übersetzen würde. Man könnte auch sagen, Befreiung, Ausstieg aus der Karmakette von Ursache und Wirkung. Unterstützt wird der Vorgang durch eine Pranayama Praxis, nennen wir das der Einfachheit halber die Kontrolle oder Lenkung von Lebenskraft.

Spätestens wenn man zum Zustand der Meditation kommt, wird sich die Asanapraxis dergestalt auswirken, dass auch der ganze Rest des Lebens zu einer yogischen Übung wird. In anderen Meditationsformen findet man einen ähnlichen Ansatz. Jemand, der fleißig sitzend meditieren übt, wird über kurz oder lang diese Meditationshaltung in die Welt mitnehmen. Derjenige meditiert dann nicht nur, wenn er auf dem Kissen in einem Meditationsraum sitzt, sondern auch wenn er mit der U-Bahn fährt, Einkäufe erledigt oder was auch immer tut.

Überprüft man Iyengars Erläuterungen an der eigenen Yogapraxis, wird man feststellen, dass einige der genannten Aspekte ziemlich unwillkürlich auftreten. Abgesehen von körperlichen Fähigkeiten braucht es für fast jede Yogahaltung ein hohes Maß an Konzentration. Diese Konzentration tritt ein, wenn man sich vollständig in den eigenen Körper zurück zieht und sehr genau darauf achtet, was da gerade vor sich geht.

Damit hat man bereits drei Bestandteile des Yoga in einer Übung integriert.

Was Bikram Yoga betrifft, hat die Hitze im Raum zumindest das Potential, derartige Zustände zu verstärken, Pranayama wird dadurch gewissermaßen erzwungen, und weil man den Kampf mit der Hitze immer verliert (es sei denn man vernachlässigt die Bikram Regel Nummer eins: den Raum nicht verlassen), bleibt einem an einem bestimmten Punkt nichts anderes übrig, als den Kampf aufzugeben, los zu lassen und sich damit abzufinden, dass die Situation jetzt eben so ist, wie sie ist. Dieses Loslassen gelingt nicht immer, ist aber für mich eine ganz klassische Meditationsübung, die ausschließlich innerlich ist, so wie man auf dem Meditationskissen sitzt und ein gedankliches Konstrukt, das man gerade verfolgt, bemerken und aufgeben soll.

Ich bin nun der Meinung, dass die Zirkusartisten, die der Autor des Artikels im Elephant Journal beschreibt, all diese yogischen Tugenden ebenfalls gehabt haben müssen, um ihr Kunststück aufführen zu können. Iyengar vergleicht den Asanaübenden interessanterweise mit einem Jongleur, der mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei dem sein muss was er tut, weil bei der geringsten Ablenkung sein Kunststück misslingen wird.

Das gleiche lässt sich über jeden Tänzer oder Performer sagen. In der Bühnenkunst spricht man gelegentlich von Konzentration, aber statt Mediation wird meistens das Wort „Präsenz“ gebraucht, das eigentlich nur bedeutet, dass der Performer mit allem, was er hat, bei dem ist, was er tut. Diese Haltung ist im Grunde identisch mit der Haltung, die Iyengar dem Asanaübenden empfiehlt. Es ist nicht so, dass man Ballett oder andere Tanzformen wie Yoga betreiben kann, sondern es scheint mir eher so zu sein, dass ein Tänzer (Musiker, Performer etc), der weiß, was er tut, seine Kunst automatisch so betreiben wird, wie ein Yogi seine spirituelle Praxis. Er wird das nicht Yoga nennen und wahrscheinlich auch nicht Meditation, aber es ist am Ende genau das.

Der Hauptunterschied scheint mir darin zu liegen, dass für den Künstler diese Zustände eher ein Nebenprodukt seiner Arbeit sind, während sie für den Yogaübenden das eigentliche Ziel darstellen. Ein Künstler mag beim Ausführen seiner Kunst Momente von Konzentration und Meditation erleben, vielleicht sogar gelegentlich ekstatische Zustände, die man mit dem Begriff „samadhi“ in Verbindung bringen könnte, aber diese Zustände sind eher selten das eigentliche Ziel von Kunst, obwohl es einem Künstler natürlich möglich ist, die yogischen Elemente seiner Kunst zu kultivieren, womit Kunst zu einer spirituellen Disziplin werden kann, wenn sich der Künstler dafür entscheidet.

Es scheint mir im Moment sinnvoll, um Yoga besser zu verstehen, den Begriff nicht zu konkretisieren, sondern zu verallgemeinern, weil die Diskussionen, die man in der Yoga Community verfolgen kann, und die sich oft darum drehen, wer denn nur eigentlich „echtes“ Yoga macht und wer nicht, deprimierend sind. „Alles ist Yoga“ kommt mir ein bisschen zu allgemein vor, aber wenn man postuliert, dass mit Yoga die Hingabe an eine bestimmte Tätigkeit gemeint ist, mit dem Ziel, darüber zu so etwa wie einer Wahrheit vorzustoßen, kann zumindest fast alles Yoga sein. Denn, um das nochmal zu rekapitulieren: Yoga means Union.

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