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Cie. Toula Limnaios – Tempus Fugit

Dezember 15, 2016

Einer der Gründe, weshalb wir annehmen, dass Zeit existiert, ist dass die Welt sich verändert. Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal in der Halle Tanzbühne war. Das zwanzigjährige Jubiläum der Cie. Toula Limnaios habe ich irgendwie verpasst, nicht so sehr, weil ich mich nicht dafür interessiert habe, sondern weil die Zeit eben manchmal schneller vergeht, als einem lieb ist. So komme ich also unvorbereitet in die Halle Tanzbühne und finde vor dem eigentlichen Gebäude ein Kassenhaus vor, innen sind die Toiletten neu gemacht und alles wirkt ein bisschen aufgeräumter als vorher, und irgendwie bereue ich es, keine Fotos gemacht zu haben davon, wie es vorher war, als Erinnerung gewissermaßen. Zeit, die bereits fertig vergangen ist. Oder auch nicht. Man weiß es nicht. Zeit ist kompliziert.

Tempus fugit bedeutet, so weit reichen meine Lateinkenntnisse gerade, „Die Zeit flieht“. Eine schnelle Googelei hat ergeben, dass der Begriff früher gelegentlich auf Ziffernblättern von Uhren stand und jeden, der sehen wollte „wie spät es ist“ daran gemahnte, dass das Leben endlich ist und man davon Abstand nehmen sollte, seine Zeit zu verschwenden.

Der Begriff erinnert also an die eigene Sterblichkeit, weshalb ich den Verdacht habe, dass es sich eher um Kirchenlatein handelt und nicht unbedingt um ein Zitat aus alter römischer Zeit. Aber ich weiß es nicht.

Während der Eingangsbereich der Halle Tanzbühne etwas „repräsentativer“ und offizieller geworden ist, hat sich am Bühnenraum derweil nichts verändert, es gibt immer noch die Turnhallenpiktogramme an den Wänden und an diesem Abend sind die Fenster nicht abgehängt, die Hauptbeleuchtung kommt tatsächlich von Außen durch die Fenster. Die Bühne ist leer, außer allerlei vermoderndes Laub, das auf dem Boden liegt, zugegeben nicht unbedingt der subtilste Hinweis auf Vergänglichkeit. Die leere Bühne ist trotzdem eine Besonderheit, weil, glaube ich, bei den meisten Stücken der cie. Toula Limnaios, die ich gesehen habe, die Tänzer bereits auf der Bühne waren, als die Zuschauer den Raum betraten. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung, aber ich habe das erstmal als ungewöhnlich verbucht.

Die zweite Auffälligkeit ist, dass fast alles als Gruppe getanzt wird. Nicht immer synchronisiert, aber fast immer als Gruppentanz. Im Verlauf des Stückes wird das etwas aufgebrochen, aber formal ist das trotzdem ein deutliches Leitmotiv des Abends. Das ist insofern interessant, weil ich die meisten Toula Limnaios Stücke, die ich kenne, eher als „individualistischen“ Tanz gesehen habe. Natürlich hat man es mit einer Gruppe von Tänzern zu tun, aber oft fanden unabhängig voneinander eben mehrere Dinge auf der Bühne statt, die nicht viel miteinander zu tun hatten – zumindest war das der Anschein – außer, dass sie eben auf der gleichen Bühne zur gleichen Zeit und Musik stattfanden. Die individuellen Momente gibt es auch bei Tempus Fugit, aber sie werden sparsamer eingesetzt, so dass das Verhältnis synchron und Gruppentanz vs. Individuelle Performance im Vergleich zu anderen Stücken ziemlich umgedreht zu sein scheint. Zumindest in meiner, sicher nicht sehr verlässlichen, Wahrnehmung.

Das mag mehrere Gründe haben. Zunächst handelt es sich ganz einfach um einen choreographischen Fokus, das heißt, mehr als in anderen Stücken geht es hier darum, die Bewegungen einer Gruppe als Einheit zu erforschen. Interessanterweise ist es in anderen Toula Limnaios Stücken gelegentlich so, dass sich die Tänzer im Laufe des Abends in der Wahrnehmung des Zuschauers zu einer klar strukturierten Gruppe zusammen finden, die eben Zeit miteinander verbracht und interagiert haben, in der aber jeder seine Individualität und jeweils besondere Rolle behauptet. Hier ist es eher so, dass die Gruppe am Anfang als Einheit auftritt und sich im Laufe des Abends mehr und mehr die individuellen Tänzer als autonome Einheiten zeigen. In Tempus Fugit mag es auf der Ebene eher darum gehen, dass es Arbeit ist aus einer „Masse“ auszubrechen und das Eigene zu behaupten.

Wenn man mal „Vergänglichkeit“ als großes Thema des Abends annimmt, verbunden mit der Frage, was man in der „fliehenden Zeit“ tut, kann man das so deuten, dass wir da alle mehr oder weniger in einem Boot sitzen, insofern dass es gewisse Forderungen gibt, wie wir in der gegebenen Gesellschaft unsere Zeit zu nutzen haben (Effizienz, Produktivität, ökonomischer und bürokratischer Zwang). Die auffallendste Passage des Stückes ist, als eine kleine Baby Puppe in den Tanz einbezogen wird. Dabei ist es meistens so, dass ein Tänzer mit der Babypuppe bestimmte Bewegungen macht, die dann durch einen lebendigen Tänzer oder die ganze Gruppe nachgetanzt werden. Ich würde da mal die Lesart anbieten, dass die Dressur auf die zum Überleben im Spätkapitalismus nötigen Verhaltensweisen schon im frühen Kindesalter beginnt. Da die Puppe sich nicht von allein bewegen kann, werden die Bewegungen natürlich erstmal von einem Erwachsenen vorgegeben und die arme Puppe wird dabei ordentlich verdreht, durch die Gegend geworfen und über den Bühnenboden geschleift. Das ist gelegentlich lustig, gelegentlich eher ein Missbrauchsbild. Zumindest sind das so meine Assoziationen, jeder Zuschauer mag sich da seine eigenen Gedanken machen.

Will man den „Assoziationsraum“ beschreiben, der in Tempus Fugit aufgemacht wird, dann wird man aber vermutlich eher zu trostlosen Schlüssen kommen, man mag das Stück politisch deuten, psychologisch oder soziologisch, der Kontext ist tendenziell expressionistisch, angefangen bei der Art zu tanzen über Kostüme und Make up, bis hin zu gewissen Mitteln wie hysterischem Gelächter, Schreien oder eben der Arbeit mit der Babypuppe.

Nicht unbedingt das Vorweihnachtsprogramm für die ganze Familie, aber trotzdem oder deshalb hab ich mir das natürlich gerne angeschaut, und ich sehe ja auch den Toula Limnaios Tänzern und Tänzerinnen gerne bei der Arbeit zu.

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