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Lucky Trimmer 24

April 1, 2016

Zu Ostern gab es eine Ausgabe von Lucky Trimmer, die ich beinahe gar nicht bemerkt hätte. Es gab aber drei Tage vorher noch Karten, also bin ich natürlich hingegangen.
Mein großartiges Bewertungssystem, von dem zugegebenermaßen selbst noch nicht so richtig überzeugt bin, funktioniert hier natürlich nicht so richtig. Bei Lucky Trimmer hat man es immer mit einem sehr guten Preis/Leistungsverhältnis zu tun, und der Unterhaltungswert ist formatbedingt hoch.

Wie meistens gab es 7 Stücke, keines länger als zehn Minuten. Oder sagen wir 7 einhalb, denn der Abend beginnt mit einem Zusammenschnitt von ungefähr zweihundert Bewerbungsvideos. Für Lucky Trimmer 24 gab es, wenn ich mich richtig erinnere, 267 Bewerbungen. Die hohe Bewerbungszahl hat mich ziemlich überrascht. In dem Zusammenschnitt gab es dann auch gelegentlich Ausschnitte, von denen ich dachte: „Das würde mich interessieren“, aber das letzte Wort hat natürlich die Jury.
Die genauen Kriterien für die Auswahl kenne ich nicht, vermutlich wird der persönliche Geschmack der Juroren eine gewisse Rolle spielen, davon abgesehen einige offensichtliche Vorraussetzungen: für Umbaupausen ist wenig Zeit, ebensowenig für eine übermäßig aufwändige Lichtshow, da das Licht von den Lichtmenschen der Sophiensälen wohl an einem Tag komplett für die sieben Kurzstücke eingerichtet wird.

Lucky Trimmer ist aber nichtsdestotrotz eine gute Gelegenheit, sich einen gewissen Eindruck zu verschaffen, was gerade in der Tanzszene so anentwickelt wird. An Ausgabe 24 fällt dabei auf, dass der Einfluss von Urban Dance, im Gegensatz zu anderen Stücken, die ich in letzter Zeit gesehen habe, nicht sehr ausgeprägt ist. Es dominieren fließende Bewegungen in unterschiedlicher Form, teilweise mit deutlichen Yoga Einflüssen. Ich bin nicht sicher, ob Yoga gerade wieder hip ist oder wird, oder ob mir das nur so vor kommt, weil ich selbst gerade wieder versuche, ein bisschen Yoga zu üben, um besser in Form zu kommen.
Das erste Stück von Lucky Trimmer 24 ist natürlich sofort eine Ausnahme zu dem, was ich gerade gesagt habe.

monoLOG von Samuel Lefeuvre

monoLOG bezieht sich auf die „Log Lady“ eine Figur aus der Serie Twin Peaks, gespielt von einer gewissen Catherine Coulson, die vor einigen Monaten verstorben ist und ein eher schmales Oevre hinterlässt, das vor allem aus dem Frühwerk von David Lynch besteht.
Wir haben also Samuel Lefeuvre, dessen einziges Prop auf der Bühne eben ein Holzstück („Log“) ist und der dann einen Tanz aufführt, der technisch dann eben doch urban dance beeinflusst ist, aber seltsamerweise nicht so aussieht. Mich erinnert das eher an die Traumsequenzen in Twin Peaks, in denen auch manchmal getanzt wird, bevorzugt von Zwergen und Riesen. Die traumartige Atmosphäre bei Twin Peaks wird unter anderem durch eine seltsame Art zu sprechen hergestellt, als auch eben durch eine komische Art, in der sich die Leute bewegen. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Effekt unter anderem durch das Rückwärtsabspielen von Bewegungen und Sprache zustande kam. Also: die Schauspieler sprechen einen Text rückwärts und die Tonspur wird dann wiederrum rückwärts abgespielt, so dass man den beabsichtigten Text verstehen kann, er klingt aber irgendwie seltsam, als würde er von jemandem gesprochen, der zwar die Sprache kennt, der aber nicht genau weiß, wie genau er die Laute mit seinen Sprechwerkzeugen herstellen soll.
Samuel Lefeuvres Art in monoLOG zu tanzen ähnelt dieser Art zu sprechen. Die Bewegungen wirken vertraut, aber gleichzeitig seltsam verschoben und fremdartig. Wie genau dieser Effekt erreicht wird, weiß ich nicht. Sicher verstärkt die etwas unheimliche Soundkulisse (ebenfalls von Samuel Lefeuvre) den Eindruck. So oder so schaue ich mir das gerne an und es entsteht tatsächlich ein ziemlich guter Eindruck der unheimlicheren Sequenzen in „Twin Peaks“. Als Eröffnungsstück für die ja oft eher fröhliche Atmosphäre von Lucky Trimmer recht ungewöhnlich, aber ich bereite mich schon mal auf einen interessanten Abend vor.

„Wie soll ich das Erklären?“ von Dagmar Dachauer

Die Frage ist schon mal sehr gut und stellt sich natürlich auch jedem, der versucht, etwas über Tanz zu schreiben (oder über Musik). „Wie soll ich das erklären?“ ist wieder ein Solostück. Diesmal haben wir es mit Wiener Walzer von Johann Strauß zu tun, zu der aber kein Walzer getanzt wird, sondern eben eher zeitgenössischer Tanz, diesmal mit deutlichen Yogaeinflüssen, fließende Bewegungen, die der Musik überraschend gut entsprechen.
Mir gefällt die Idee, eine Musik zu wählen, mit der man vor allem eine spezifische Art zu tanzen assoziiert und eben anders dazu zu tanzen sehr gut und das funktioniert hier hervorragend. Da man durch das erste Stück schon auf Filmassoziationen eingestimmt ist, muss ich gelegentlich an den Weltraumwalzer aus 2001 denken. Das Stück ist witzig, weil es überraschend ist und trotzdem oder deshalb relativ zwingend und ziemlich ideal für das zehn Minuten Format.

Twilight von der Motimaru Dance Company
Nicht ideal für das zehn Minuten Format ist „Twilight“ von der Motimaru Dance Company, zumindest hätte das Stück noch eine gute Stunde länger sein können, es wäre interessant gewesen, was dann passiert. Die zehn Minuten, die man zu sehen bekommt, sind tendenziell minimalistisch, sehr langsam, fast meditativ und durchaus faszinierend.

Vorne links auf der Bühne sitzt eine junge Dame mit einer E-Geige und allerlei lustig leuchtendem Equipment, mit dem mutmaßlich der Soundtrack erzeugt wird. Auf der Bühne eher mittig sieht man in dämmrigem Licht einen amorphen Fleischklumpen. Bei genauerer Betrachtung macht man mit der Zeit drei Arme oder Beine aus, was den Schluss zulässt, dass es sich bei dem Fleischklumpen um mindestens zwei Tänzer handelt. Es sind tatsächlich zwei, die aber zunächst eben als Einheit auftreten, die Gesichter immer von ihren Haaren verdeckt. Im Laufe der zehn Minuten bewegen sie sich sehr langsam, was ungefähr so ist, als würde man einer Tulpe dabei zusehen, wie die Blüte sich mit den ersten Sonnenstrahlen öffnet. Als das dann geschehen ist, sind die zehn Minuten auch bereits schon um, während ich denke, dass das Stück jetzt eigentlich erst richtig los gehen müsste. Aber auch die zehn Minuten waren hübsch anzusehen und danach kommen wir zu etwas völlig anderem.

Totilas – der Ritt von Paul Hess

Wir haben ja schon allerlei Tanzformen gesehen, Menschen die Roboter imitieren, eine zeitlang schienen auch Insektenbewegungen interessant zu sein, insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis auch endlich die Bewegung von Pferden im Tanz behandelt werden würde. Paul Hess wagt sich nun endlich an dieses Thema heran. Es geht um die anscheinend herausragende Performance eines Pferdes namens Totilas, von dem ich natürlich noch nie etwas gehört habe. Was ich derweil weiß ist, dass es bestimmte Sportdisziplinen gibt, bei denen die Moderatoren oder Reporter dazu neigen, spontane Poetry Slams zu veranstalten – besonders zu erwähnen sind dabei Eiskunstlauf und eben Dressurreiten.

Paul Hess zeigt nun zu einer vermutlich bedeutsamen Performance des Pferdes „Totilas“ eben jene Performance als Mensch, während man dazu die entsprechende Fernsehsportreportage hört, komplett mit der unglaublich kitschigen Orchestermusik, die beim Dressurreiten für gewöhnlich läuft. Da Pferde keine Arme haben, ist die Performance vor allem durch die sehr überzeugende Beinarbeit gekennzeichnet. Lustig wird es vor allem dann, wenn das titelgebende Pferd Fehler macht, Paul Hess, aus seinem Pferdeschritt ausbricht, sehr zum Entsetzen des Reporters. Höchste Zeit, dass sich endlich jemand des Themas angenommen hat. Lustig und gleichzeitig formal tatsächlich sehr streng.

Untitled von Sofia Krantz

Ebenfalls formal streng ist „untitled“ von Sofia Krantz. Zur Abwechslung mal kein Solo, sondern ein Stück für fünf Tänzerinnen, die alle identische Kleidung und Haarteile tragen. Meistens wird synchron getanzt, dazu sehr stilisiert und in gleicher Tonlage geächzt und gestöhnt. Die Tänzerinnen sorgen so für ihren eigenen Soundtrack. Ich bin unsicher, ob mich das ganze mehr an einen Hexensabbat oder an ein Treffen durchgedrehter Androiden erinnert.

Die letzten beiden Stücke „Then, before, now, once more“ von Antonin Comestaz und „Red belt“ von Nadar Rosano behandele ich mal gemeinsam. Die Stücke ähneln sich formal, weil wir es beide mal mit Tänzern in Straßenklamotten zu tun haben, so gesehen ist das ziemlich puristisch. Ich persönlich bevorzuge es ja, wenn auch das ein oder andere theatrale Mittel angewendet wird. Natürlich gibt es auch puristische Stücke, die mir gefallen, ich habe aber noch nicht rausgefunden, wann das der Fall ist. Virtuosität spielt sicherlich eine Rolle. Beide Stücke sind kompetent getanzt, wollen aber nicht unbedingt den Zuschauer auf Biegen und Brechen beeindrucken. Um genaueres sagen zu können, müsste ich mir die Stücke noch einmal anschauen, wozu es aber erstmal keine Gelegenheit gibt.

Alles in allem wie immer bei Lucky Trimmer ein kurzweiliger Abend.

Christoph Winkler – Urban Dance Café

März 19, 2016

Im Ballhaus Ost hatte nun Christoph Winklers „Urban Dance Café“ Premiere, ein Solo Stück „von und mit“ Aloalii Tapu. Der exotische Name des Performers mag schon einen Hinweis darauf geben, dass er nicht in Buxtehude geboren wurde, sondern in diesem Fall in Neuseeland, wobei er wohl samoanischer Abstammung ist. Samoa wurde ja vor nicht allzu langer Zeit auch in Jochen Rollers Stück „Them and us“ behandelt. In Jochen Rollers Stück ging es vor allem um die gemeinsame Geschichte von Deutschland und Samoa. Samoa war ehemals eine deutsche Kolonie, Samoaner wurden wie alle Nicht-Europäer in den berüchtigten Völkerschauen ausgestellt und waren Thema in Parlamentsdebatten, die damals noch offen rassistisch waren, also offener als der heute übliche „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Rassismus, der durch Thilo Sarazin populär gemacht wurde. Die Überlegenheit der weißen Rasse war damals Konsens (natürlich vor allem bei Vertretern dieser „weißen Rasse“) und heute schämt man sich deshalb gelegentlich für die Ahnen. Darum also ging es bei Jochen Roller, und die Aufführung damals bestand im wesentlichen aus Videoaufnahmen, die drei Tänzer aus Samoa auf Deutschlandreise zeigten, Rassismuszitaten aus der Kolonialzeit, die in der Regel als Texte eingeblendet wurden vor Straßen, die nach demjenigen, der zitiert wurde, benannt waren. Die Videos wurden unterbrochen von Tanzeinlagen, wobei die Tänzer aus Samoa den immer gleichen Tanz zu unterschiedlicher Musik zeigten: eine Art samoanischen Volkstanz, der seltsamerweise stark an den bayrischen Volkstanz, der unter dem Namen „Schuhplattler“ allgemein bekannt ist, erinnerte.

In „Urban Dance Café“ haben wir es mit einer ähnlichen Struktur zu tun. Das politische Thema spielt aber keine besonders große Rolle. Stattdessen geht es eher um die in Anekdoten erzählte Geschichte eines jungen Mannes, der nach Europa kam, dort in Royston Maldoons Sacre Projekt mittanzte und daraufhin beschloss, zeitgenössischer Tänzer zu werden, wozu man dann ein paar Kommentare seiner Mutter oder von einem Freund auf Video bekommt. Wenn man so will, ist „Urban Dance Café“ eine Art Personality Show, in der sich Videos, erzählte Passagen und Tanz abwechseln.

Aloalii Tapu zeigt tänzerische einerseits diesen aggressiven Maori-Tanz, den ich zumindest in Fernsehbeiträgen über Neuseeland oder behind the scenes Material von „Herr der Ringe“ kenne (und der, glaube ich, nur von Männern getanzt wird). Also ein breitbeiniges Aufstampfen, schlagen auf Brust und Oberschenkel, Zunge rausstrecken, kombiniert mit einer Art Sprechgesang. Wenn man das als Ausgangspunkt nimmt, entstehen dann innerhalb der Aufführung Querverweise, zum Beispiel zu American Football, einer Sportart die ja auch großen Gefallen am Inszenieren von rauer Männlichkeit findet, und die sich in Neuseeland wohl großer Beliebtheit erfreut. In der Aufführung taucht American Football in Form eines Spielberichts Australien gegen Neuseeland auf.

Andererseits sieht man meist einen Tanzstil, der unter dem Gummibegriff „zeitgenössisch“ laufen könnte, hier aber deutlich urban Dance beeinflusst ist, was auch immer das heißen mag.

Die Form ist dabei so, dass wir erst den Tanz sehen, dann verlässt Tapu die Tanzhaltung und erzählt in entspanntem Konversationston, was er gerade zu erzählen hat – Gedanken über Männlichkeit, über Tanz in Neuseeland (wo man sich, zumindest bei Maoritänzen) wohl nie anfasst beim Tanzen, Einflüsse von westlichem Tanz – Steve Paxton und Pina Bausch, um konkret zu werden.

Die Tanzpassagen beziehen sich in der Regel auf die Einflüsse – es beginnt mit einer Sacre du Printemps Variante, geht weiter mit einem Pina Bausch inspirierten Tanz, zu einer Widmung an Steve Paxton und schließlich neuerer Popmusik. Das Finale bildet schließlich der Versuch, eine Aufführung, die er vorher als Traumvorstellung beschrieben hat, zumindest so gut es im Ballhaus Ost geht anzudeuten, durch die Anwesenheit einer Waschmaschine und eines Wäschetrockners, aus dem Blätter auf die Bühne regnen.

Interessanterweise hatte ich unmittelbar nach der Aufführung den Eindruck, dass Tapu, egal zu welcher Musik, eigentlich immer das gleiche getanzt hat (wenn man von dem erwähnten Maori Kriegstanz absieht) – ein Eindruck, der sich mit etwas Abstand eigentlich als falsch erweist, also was er zu Strawinsky gezeigt hat, unterschied sich schon stark von dem, was man dann zu Taylor Swift geboten bekam. Insofern ist der Eindruck der Gleichförmigkeit ein bisschen seltsam. Meine Arbeitsthese ist für den Moment, dass sich ein Tänzer vor allem in Improvisationen im Zweifelsfall auf Techniken zurück ziehen wird, die er gelernt hat und die gewissermaßen das sichere Fundament seines Zugangs zu Tanz bilden. Ein improvisierender Balletttänzer wird immer Ballett als Ausgangspunkt nehmen, und das wird man sehen. Ballett ist für jemanden mit entsprechender Ausbildung die Technik, die Sicherheit verspricht in unsicheren improvisierten Tanzformen.

Für Aloalii Tapu ist Ballett natürlich nicht die Basis, sondern eben eher zeitgenössischer Tanz. Zeitgenössischer Tanz ist natürlich etwas zu allgemein, also sagen wir: Hip Hop, was auch sehr allgemein ist. Ich kenne mich mit den unterschiedlichen Hip Hop Techniken nicht übermäßig gut aus. Popping, Krumping, sowas in der Art. Die Art zu tanzen zeichnet sich in der Regel durch meist kleine, isolierte Bewegungen aus, also so etwas wie: Schulter klappt nach vorne und wird dann von der Hand wieder zurück nach hinten geschoben, was man auch mit jedem anderen Gelenk innerhalb dessen Bewegungsspektrums machen kann.

Das klingt ein bisschen obskur, weil die Techniken mit denen man es zu tun hat, nicht ganz so gut definiert sind, wie zum Beispiel im Ballett. Da aber jeder gezeigte Tanz im Grunde auf diesen Bewegungen basiert, entsteht der Eindruck von Gleichförmigkeit oder freundlicher ausgedrückt: es entsteht eben persönlicher Stil. Ballett hat ja den großen Vorteil, dass sich recht viele Leute ein paar Jahrhunderte lang an der Form abgearbeitet haben, eine Form die darüber hinaus von Anfang an für die große Bühne gedacht war, während bestimmte Formen des „urban dance“ erst zögerlich und in neuerer Zeit überhaupt für die Bühne nutzbar gemacht werden. Man wird sehen, wohin das führt und „Urban Soul Café“ ist aus tänzerischer Sicht ein Beitrag zu dieser Entwicklung. Mich haben die Berichte über die Stellung des Tanzes bei den Maori – wo Tanz als Bühnen- oder sonstige Kunst, gar nicht auftaucht, sondern offenkundig eher Teil von Festlichkeiten ist, eigentlich am meisten interessiert. Es ist eine dieser Tanzaufführungen, in der ich eigentlich gerne mehr gehört hätte, oder anders gesagt: mich die Erzählungen mehr interessiert haben als die getanzten Passagen. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Insgesamt hat man ist der Abend durchaus unterhaltsam, mit einem charmanten Hauptdarsteller. Nichts die beste Arbeit von Christoph Winkler, aber dennoch sehenswert.

Nach meinem letzten Staatsballettbesuch habe ich ja beschlossen, ein kleines Bewertungssystem für Aufführungen zu entwickeln, das in Zukunft sicher noch etwas ausgefeilter werden wird. Aber für’s erste geht es um folgende Faktoren jeweils bewertet auf einer Skala von 1 bis 10:

Kosten vs Leistung: 8 (sehr gut)
Unterhaltungswert: 7 (gut)
Tänzerischer Wert: 4 (befriedigend)
Performance: 6 (gut)
Dramaturgie: 5 (befriedigend)
Relevanz: 7 (gut)

Ich weiß, dass es irgendwie doof ist, Aufführungen so zu bewerten, aber es kommt mir so vor, dass es für mich selbst sinnig ist, mal ein paar Kriterien in meine Berichte einzuführen, die die besprochenen Aufführungen in einen für mich angemessenen Vergleichskontext setzen.

Verglichen mit Urban Dance Café wäre ein vergleichbares von Christoph Winkler betreutes Solo – in dem Fall Baader – so:

Kosten vs Leistung: 8 (sehr gut)
Unerhaltungswert: 9 (sehr gut)
Tänzerischer Wert: 9 (sehr gut)
Performance: 10 (perfekt)
Dramaturgie: 7 (gut)
Relevanz: 9 (sehr gut)

Na gut, ich experimentiere damit noch ein bisschen herum. Letztlich geht es natürlich darum, potentiellen Zuschauern einen einigermaßen angemessenen Eindruck dessen zu vermitteln, was sie zu erwarten haben. Spaßeshalber eine entsprechende Bewertung von Herrumbre am Staatsballett:

Kosten vs. Leistung (0 – 5 katastrophal bis befriedrigend, abhängig von der Preisklasse, in der man seinen Platz gefunden hat)
Unterhaltungswert: 6 (gut)
Tänzerischer Wert: 7 (gut)
Performance: irrelevant
Dramaturgie: 4 (gerade so befriedigend)
Relevanz: 7 (gut)

Vielleicht muss ich in dem Kontext noch ein paar Kriterien hinzufügen, wie Anspruch vs. Ausfrührung oder ähnliches, Relevanz oder was mir sonst noch einfällt. Relevanz gefällt mir gerade sehr gut. Also füge ich das mal hinzu.
Jochen Rollers „Them and us“ als Vergleich:

Kosten vs. Leistung: 8 (alles umd die 20 Euro für mindestens 60 MInuten wird ungefähr diesen Wert ergeben)
Unterhaltungswert: 8 (sehr gut)
Tänzerischer Wert: 6 (gerade so gut)
Performance: 9 (sehr gut – zu Performance zählen eben auch die Videoperformances)
Dramaturgie: 6 (befriedigend bis gut)
Relevanz: 8 (sehr gut)

Ich hoffe, dass ich das System in Zukunft noch ein bisschen verfeinern kann, für den Moment scheint es mir sinnvoll, etwas in der Art auf Tanzaufführungen anzuwenden, auch wenn das zu Beginn meiner Bloggertätigkeit ganz und gar nicht meine Intention war, irgendwelche Besucherempfehlungen zu geben, aber die Zeiten ändern sich.

Staatsballett Berlin – Herrumbre

Februar 14, 2016

Ach, das Staatsballett.

Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, was das Staatsballett braucht, um erfolgreich mit finanziell und personell ähnlich ausgestatten Häusern zu konkurrieren (also sagen wir: Royal Ballet oder Pariser Oper), hätte ich vermutlich zwei Dinge genannt:

1. Dringend gleichwertigen Ersatz für die Semionov/a Geschwister finden.
2. Abendfüllende ambitionierte Ballett(!)ur(!)aufführungen.

Was ich auf keinen Fall gesagt hätte, ist: Das Staatsballett Berlin braucht unbedingt die Wiederaufnahme eines 12 Jahre alten Nacho Duato Stücks über die Terroranschläge von Madrid und den erbärmlichen Zustand der Welt im allgemeinen, das man dann mit dem unwiderstehlichen Slogan: „Wenn die Seele Rost ansetzt“ bewerben kann.

Schnitt. Zwei Jahre später.

Die Situation bei den ersten Solisten ist so, dass wir fünf erste Solistinnen haben, von denen zwei mehr oder weniger außer Dienst sind, des weiteren drei männliche erste Solisten (also weniger als beim Weggang von Vladimir Malakhov).
Uraufführungen gibt es selten, und wenn doch, dann in zwanzig Minuten Häppchen. Dabei handelt es sich nicht um Ballettstücke, sondern eher um Modern Dance Geschichten. Außerdem gibt es die Wiederaufnahme eines zwölf Jahre alten Nacho Duato Stücks über die Terroranschläge von Madrid und den erbärmlichen Zustand der Welt im allgemeinen, das mit dem unwiderstehlichen Slogan: „Wenn die Seele Rost ansetzt“ beworben wird. Das Stück heißt „Herrumbre“ („Rost“ – daher der Slogan, der eine so verführerische Vorlage für Verrisse liefert, dass man eigentlich widerstehen muss).

Herzlich willkommen in der zweiten Spielzeit unter Nacho Duato.

Ein paar Fragen lassen sich anhand von „Herrumbre“ schon beantworten. Zum Beispiel die Frage, warum es offenbar kein Interesse gibt, die freien Stellen bei den ersten Solisten zu besetzen. Die Antwort scheint zunächst zu sein, dass Nacho Duato für seine Art Tanztheater schlicht keine ersten Solisten braucht. „Herrumbre“ ist ein Ensemble Stück, für das keiner der Tänzer irgendwelche herausragenden Fähigkeiten zeigen muss. Am Premierenabend finden sich dann auch erheblich mehr erste Solotänzer/innen des Staatsballetts im Publikum als auf der Bühne (Anzahl der ersten Solisten auf der Bühne: 0; im Publikum gesichtet, ohne zu suchen: 3). Und sie werden auch auf der Bühne nicht unbedingt gebraucht.

Die zweite Begründung für das mangelnde Engagement bei der Einstellung (oder Beförderung) herausragender Tänzer hat Nacho Duato selbst schon mehrmals gegeben, nämlich dass er klassisches Ballett nicht mag, und klassisches Ballett ist die einzige Tanzform, für die die strenge Hierarchie einer Ballettkompagnie tatsächlich sinnvoll ist.
Nun habe ich Sympathien dafür, dass man diese Hierarchie mit allen damit verbunden unschönen Begleiterscheinungen nicht gut findet, aber wenn man eine kleine Kompagnie mit flachen Hierarchien bevorzugt, sollte man einfach nicht Chef einer der größten Ballettkompagnien Europas werden – wobei sich natürlich die Frage anschließt, warum er überhaupt gefragt wurde.
Nacho Duato hat nie einen Hehl daraus gemacht, welche Art von Tanz er mag und welche nicht, wenn die Verantwortlichen ihn also einstellen, wird man fragen dürfen, ob es politisch gewollt ist, aus dem Staatsballett so eine Art Tanztheater Wuppertal (ersetze Pina Bausch durch Nacho Duato) zu machen. Dazu braucht man freilich keine 80 Tänzer starke Kompagnie, der drei Opernorchester zur Verfügung stehen. Und so etwas wie das Tanztheater Wuppertal, das heißt, eine zeitgenössische Kompanie mit einer herausragenden, weltweit beachteten Choreographin, könnte Berlin sehr viel billiger mit Sascha Waltz haben, wenn deren Tanztruppe finanziell ihrem Ruf entsprechend ausgestattet wäre.

Da ich all das weiß, und Nacho Duato deshalb eigentlich keine Vorwürfe machen kann, – warum ärgere ich mich trotzdem über Herrumbre? Nun, bei mir ist es so: wenn ich in ein Tanzstück gehe, habe ich, ob es mir passt oder nicht, vorher eine gewisse Erwartungshaltung darüber, was auf mich zu kommt. Ich versuche meistens, mich von dieser Erwartungshaltung frei zu machen, aber das gelingt leider nicht immer.

Bei Herrumbre war meine Erwartungshaltung: Stück über Folter und Terror, also vermutlich karge Bühne, vielleicht so eine Art Gerüst wie bei „Vielfältigkeit/Formen der Stille und Leere“, von den Bewegungen her wird man, befürchte ich, sich auf dem Boden krümmende Tänzer sehen, zuckende Gestalten, vielleicht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, was dann an gefesselte Folteropfer erinnern soll. Aufgelockert wird das wahrscheinlich durch gelegentliche Duette und Solopassagen, vermutlich leicht aggressiv getanzt, weil es in den Duetten um Machtverhältnisse geht. Alles barfuß getanzt. Musik: vermutlich getragen, dräuend apokalyptisch. Das sind so die ersten Gedanken auf die ich gekommen bin, und siehe da: das Stück ist genau so.

Nun erwarte ich nicht von einem Tanzstück, dass es da Dinge zu sehen gibt, die ich noch nie gesehen habe. Das passiert häufiger im ersten Jahr als Tanzzuschauer, danach eher weniger. Aber ich erwarte schon, dass ich mehr zu sehen bekomme, als die Umsetzung dessen, was ich selbst nach einem knappen Brainstorming, bestehend aus diversen Klischees, die ich schon x-mal gesehen habe, zusammen bekommen hätte. Dass es dann in einem Stück keinen einzigen Moment gibt, der für mich irgendwie unerwartet oder überraschend wäre, ist dann schon relativ selten. Was mich an Herrumbre also vor allem ärgert, ist, dass das Stück doch ziemlich langweilig ist. Und gelegentlich musste ich während der Aufführung an diesen Woody Allen Witz aus Annie Hall denken: Zwei alte Damen sitzen in einem Restaurant. Die eine sagt: Mein Gott, das Essen hier ist wirklich schrecklich. Darauf die andere: Ja, und diese kleinen Portionen!
Denn: ein guter Platz kostet 70 Euro für 60 Minuten Tanz mit Musik vom Band. In der schlechter subventionierten freien Szene habe ich schon erheblich bessere 60minüter für knapp ein Drittel des Eintrittspreises gesehen.

Kurz gesagt: ich bin verärgert. Ich bin verärgert darüber zu viel für zu wenig gezahlt zu haben, ich bin verärgert über den Mangel an Originalität, die Erwartbarkeit, letztlich auch darüber, dass das Thema für mich in keiner Weise eindringlich spürbar wird, was natürlich auch an meiner Abgestumpftheit liegen kann. Aber mir erscheint das Stück seltsam unterspannt und richtungslos, gerade gemessen an anderen Stücken zum gleichen Thema. Ich will gar nicht von Hofesh Shechters „Political Mother“ sprechen (hier zum x-ten mal verlinkt – progressive Death Metal und Tanz, das ist die angemessene Form zum Thema!), aber sagen wir Toula Limnaios „Wut„, nicht gerade mein Lieblingsstück, das aber doch mehr Zug entwickelt als „Herrumbre“.
Gibt es auch gute Momente? Nun, hin und wieder schon, das ein oder andere Duett wird durchaus schwungvoll über die Bühne gebracht, aber es gibt eigentlich nichts Herausragendes, das mir im Gedächtnis haften geblieben wäre. Naja, vielleicht zwei Sachen: in der einen wird in einem Männertrio ein Tänzer gewissermaßen zu Tode getanzt (symbolisch für gefoltert) – nicht originell, aber da hat das Stück dann eine gewisse, dem Thema angemessene Härte, – und es gibt eine Gruppenchoreographie, ebenfalls für die männlichen Tänzer, in der doch eine ganz gute Dynamik entsteht, die aber nicht lange anhält.

Erstaunlicherweise kommt es mir so vor, dass die Tänzer die Choreographie über weite Strecken mehr oder weniger routiniert runtertanzen, was für ein Stück, das als die große Saisonpremiere angekündigt wurde, doch ein bisschen bedenklich ist. Andererseits wüsste ich aber auch nicht, wo sie Gelegenheit gehabt hätten, besonders zu glänzen.

Nun gut, am Ende gab es durchaus wohlwollenden Applaus, es scheint also ein paar Zuschauer gegeben zu haben, die den Abend weniger griesgrämig erlebt haben als ich. Sympathisch ist das Engagement des Staatsballetts für die Menschenrechte im Kontext der Aufführung. Am Ende bekommt man dann auch die „Universal Declaration of Human Rights“ in die Hand gedrückt. Das zumindest kann man als bleibenden Wert mit nach Hause nehmen.

Das wäre eigentlich ein hübsches Schlusswort, doch angesichts der Situation, in der sich das Staatsballett aktuell befindet, sollte ich vielleicht noch darauf hinweisen, dass Berlin das Staatsballett als voll funktionsfähige Ballettkompagnie braucht, die mit finanziell und personell ähnlich aufgestellten Häusern in London oder Paris konkurrieren können sollte/muss. Die Tänzer sind klassisch ausgebildet, also sollte man sie auch klassisch tanzen lassen. Wozu trainieren die Tänzerinnen jahrelang, wenn sie dann die Spitzenschuhe in der Garderobe lassen müssen? Das Tanztheater von Nacho Duato hat natürlich eine Daseinsberechtigung, aber das Staatsballett ist dafür meiner Meinung nach nicht der richtige Ort; – dieser Kritikpunkt würde weniger stark ins Gewicht fallen, wenn „Herrumbre“ wenigstens eine für das Ensemble entwickelte Uraufführung gewesen wäre, aber das war nicht der Fall. Es ist ein bisschen beunruhigend, dass man die Frage, wohin sich das Staatsballett unter Nacho Duato entwickelt, nach dem Abend möglicherweise sogar beantworten kann (Duato Variante des „Tanztheater Wuppertal“ – das mit besserem Ausgangsmaterial trotzdem keine gute Figur zu machen scheint), aber irgendwie will man das lieber nicht wahr haben.

Anne Theresa de Keersmaeker/Rosas – Verklärte Nacht

Dezember 18, 2015

Zur Vorweihnachtszeit gibt es im HAU2 die „verklärte Nacht“, eine Choreographie von Anne Theresa de Keersmaeker zum gleichnamigen Frühwerk von Arnold Schönberg, das wohl eine Vertonung eines Gedichts von einem gewissen Richard Dehmel ist. Im Gedicht geht es darum, dass eine Frau mit ihrem Lebensgefährten darüber redet, dass sie ein Kind von einem anderen Mann bekommt. Er entschließt sich, ihr zu verzeihen und das Kind als sein eigenes anzunehmen. Das ist alles. Es ist nicht schlecht, den Plot zu kennen, um den naturgemäß abstrakten Tanz mit dem konkret gemeinten Inhalt füllen zu können. Andererseits habe ich den Inhalt erst nachträglich recherchiert, und es ist auch kein Problem.
Ich fange mit dem an, worüber ich nicht so sicher bin, ob ich es an dem Abend gut finde. Es gibt wohl bereits eine Version des Schöneberg Stückes von de Keersmaeker aus dem Jahr 1995, wo das Ganze von sechs Paaren getanzt wurde. Die überarbeitete Variante wird jetzt von drei – oder eher zweieinhalb – Tänzern getragen. Wir haben es mit einer kahlen Bühne zu tun, die von einem Scheinwerfer so halb beleuchtet wird. Diese Reduktion folgt wohl erstmal der Annahme: Weniger ist mehr, und ich kann mir sogar vorstellen, dass das im Vergleich zur mir unbekannten Originalversion ziemlich gut funktioniert, weil die dramatische Konstellation so sehr dicht und konzentriert wird. Es ist einer der Abende, wo der Blick nicht über die Bühne schweift und man unmöglich alles aufnehmen kann, was geschieht, sondern alles ist fokussiert auf das eine Paar (Cynthia Loemij und Bostjan Antoncic, mit kurzen Auftritten von Nordine Benchorf, der mutmaßlich den Kindsvater darstellt, wenn man dem Plot des Gedichts folgt).

Mit ein bisschen guten Willen kann man vermutlich auch begründen, warum es nur einen Scheinwerfer gibt, sagen wir, die Idee ist: es ist Nacht, das einzige Licht, das im Gedicht wiederholt genannt wird, ist der Mond, ergo: ein Scheinwerfer. Vermutlich kann man auch begründen, warum die Tänzer gelegentlich den Lichtkegel verlassen und nur schemenhaft erkennbar im Halbdunkel tanzen.
Aber wir sind in Berlin, in der „arm aber sexy“ Zone und wenn ich ein Stück ohne Bühnenbild mit nur einem Scheinwerfer sehe, ist mein erster Gedanke: da hat wohl das Geld nicht gereicht für eine zweite Lampe. Das ist hier vermutlich nicht der Fall, das HAU hat ja sicher noch den ein oder anderen Scheinwerfer irgendwo rumliegen; die sparsame Beleuchtung ist also Absicht und ergibt auch Sinn, aber trotzdem sitze ich am Anfang grummelig da und denke: mit dem Licht hättet ihr euch doch ein bisschen mehr Mühe geben können.
Gut, das ist keine sehr gewichtige, sondern eine bei genauerem Hinsehen unhaltbare Kritik, aber egal, der Gedanke war da. Kritikpunkt Nummer 2: Das Ganze ist mit knapp 45 Minuten doch recht kurz, was auch ein Kritikpunkt ist, der besagt, ich hätte gerne noch mehr gesehen, also ein verstecktes Lob. Ich habe auch schon Stücke von Anne Teresa de Keersmaeker gesehen, die zwei Stunden lang waren und sich anfühlten wie vier. Das ist hier definitiv nicht der Fall, man hat es mit sehr kurzen 45 Minuten zu tun.
Davon abgesehen merke ich, dass es eine Erleichterung ist, ein Stück zu sehen, bei dem sich eine Choreografin ein Musikstück vornimmt und dazu eine ernsthafte, sinnvolle, narrative Choreographie macht. Meiner Meinung nach sollten gerade junge Choreographen zwei Jahre lang nur so etwas machen, einfach um sich das Handwerk so einigermaßen zu erarbeiten. Abgedrehte Improvisations und Authentic Movement Experimente kann man danach immer noch machen, und die stehen dann auf einer anderen Basis. Für den Zuschauer sind Stücke, in denen einfach zu Musik sinnvoll und gut getanzt wird, immer schön. Davon gibt es eher zu wenig als zu viel. Anne Teresa de Keersmaeker weist dann im Programmheft auch darauf hin, dass es sich um eine Hommage an das klassische Handlungsballett handelt, wo eben genau das passiert. Ballett wird bei „verklärte Nacht“ nicht getanzt, aber es gibt Ballett-Zitate, manchmal in der Beinarbeit, wo man diverse Ronde de jambes und ähnliches sehen kann, gelegentlich eine Armhaltung, die sich aus dem Ballett in den Abend geschlichen hat, sowie gefühlige Mimik der Tänzer. Insgesamt kommt man als Zuschauer nach einiger Zeit in eine angenehme Konzentration, was vermutlich auch daran liegt, dass die Choreographie sehr gut auf die Musik abgestimmt ist. Und sobald sich die Tänzer ein bisschen warmgetanzt haben, sind die ebenso wie die Zuschauer im Fluss, also jedenfalls ging mir das so, ich kann natürlich nicht für jeden Zuschauer sprechen.
Wie dem auch sei: Es gibt da nichts zu kritisieren, sondern das ist ziemlich perfekt, durchaus fesselnd und anrührend. Viel mehr gibt es gar nicht zu sagen. Cynthia Loemij hat, um das noch zu erwähnen, nur an diesem Abend (dem 17.12) getanzt, an allen anderen Abenden übernimmt Samantha van Wissen die Rolle. (Irgendwie haben Rosas Tänzer/innen bizarre Namen…)

Philipp Ruch – Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest

Dezember 12, 2015

Irgendwie dachte ich, es wäre eine gute Idee, etwas zu Philipp Ruchs Büchlein „Wenn nicht wir, wer dann?“ zu sagen. Ich dachte das, bevor ich angefangen habe das Buch zu lesen. Der Grund dafür war, dass ich vor ungefähr einem Jahr mit einer Bekannten ein Gespräch über das „Zentrum für politische Schönheit“ hatte. Die Bekannte drückte vor allem ihr Unbehagen darüber aus, dass mit dem Begriff „politische Schönheit“ zum ersten Mal seit dem Nationalsozialismus so etwas wie eine „Ästhetisierung der Politik“ betrieben wird.

Ruch scheint der Vorwurf bekannt zu sein. Schon ziemlich am Anfang behauptet er, es gehe nicht darum, Politik zu ästhetisieren. „Ich schließe sogar aus, dass Ästhetik überhaupt etwas mit Schönheit zu tun hat“. Nun gut, das wurde mir dann in der Schule offenbar falsch beigebracht. Ruch sagt dann auch sofort, worum es in Wahrheit geht: „Es geht um die grundsätzlichen Ziele“. Als Leser war ich natürlich gespannt, was nun diese grundsätzlichen Ziele seien, er hält sich da aber seltsam bedeckt. Alles was man erfährt, ist, dass es um den Wert des Menschen an sich geht, um einen „aggressiven Humanismus“. Und natürlich um Schönheit, die nichts mit „Ästhetik“ zu tun hat.

Das „Zentrum für politische Schönheit“ ist ein Performancekollektiv, das sich in jüngster Zeit vor allem um das Flüchtlingsthema bemüht und dabei einen PR-Coup nach dem anderen landet, angefangen beim Transport der Kreuze für die Mauertoten an die europäischen Außengrenzen, bis zu der Aktion „Die Toten kommen“, bei der in Massengräbern verscharrte Flüchtlinge ausgebuddelt und in Berlin ordentlich beigesetzt wurden. Wer sich ein genaueres Bild machen will, kann bei Wikipedia oder auf der Webseite der Gruppe nachschauen.

Ziel ist anscheinend, durch Aktionen etwas im Sinne des Humanismus Schönes zu tun, das dann bestenfalls andere ermutigt, ähnlich aktiv zu werden.

„Wenn nicht wir, wer dann“, ist nun bedauerlicherweise überhaupt nicht so, dass man sich durch das Buch ermutigt fühlt, irgendwas zu machen. Es ist auch in keiner Weise schön oder erhebend, das Werk zieht einen, ehrlich gesagt, ziemlich runter, weil man permanent vorgehalten bekommt, dass man ein untätiger, in seinem Selbstwert gestörter Schwächling sei, der durch „toxische Ideen“ das Gefühl oder die Gewissheit des eigenen Werts verloren hat.

Die toxischen Ideen sind dabei vor allem die Ideen der Moderne und Ruchs Haltung zu dem Ganzen lässt sich in einem einfachen „Moderne schlecht, Antike gut“ zusammenfassen. Statt also darüber zu reden, was er/das ZPS eigentlich erreichen will, wird über weite Strecken lang und breit darüber doziert, was Ruch warum doof findet, wobei er die ihm verhassten Ideen auch gerne mal so zurechtstutzt und missversteht, dass sie sich irgendwie für seine Tiraden eignen.

Als erstes findet er alle Politiker mit Ausnahme von Willy Brandt und Christian Schwartz-Schilling doof. Willy Brandts Kniefall von Warschau gilt dabei als herausragendes Beispiel für „politische Schönheit“. Man könnte meinen, dass Angela Merkel tendenziell ein wenig Gnade erfahren würde, weil sie in der Flüchtlingspolitik eine überraschend humane Haltung einnimmt. In einem Radiointerview sagte Ruch dazu nur, dass Merkel in Wahrheit gar nichts mache, was er sich von ihr wünscht, wäre, wenn sie ein paar Worte arabisch lernt, und eine Willkommensrede an die Flüchtlinge hält. Theaterkollege Alvis Hermanis würde sich vermutlich das genaue Gegenteil erhoffen. Glücklicherweise ist Politik kein Wunschkonzert.

Es scheint ein bisschen so, dass Ruch sich grundsätzlich die falschen Feinde sucht. Man muss Angela Merkel nicht gut finden, aber wer sich für Flüchtlinge engagiert, findet sicher lohnendere Gegner.

Nun gut, mit dem Politikerbashing am Anfang des Buches hat Ruch das Diskussionslevel schon mal auf ein solides Stammtischniveau gebracht, und die Lektüre gestaltet sich im Folgenden, gelinde gesagt, mühsam. Das Buch ist insgesamt alles andere als unterhaltsam, es werden die immer gleichen Thesen wiederholt, ohne dass sie dadurch wirklich griffig oder Sinn ergeben würden.

Also Ruchs „toxische Ideen“:

Die erste toxische Idee ist die Evolutionstheorie, dabei wirft er Darwin munter in einen Topf mit den berüchtigten „Sozialdarwinisten“. Derweil hat die Evolutionstheorie als biologische Disziplin damit eher wenig zu tun. Ruchs Kritikpunkt ist dabei der allseits bekannte, nämlich dass Darwin den Menschen durch die Evolitionslehre zum „Tier“ gemacht hat. Die Empörung darüber kam bislang vor allem aus christlich fundamentalistischen Kreisen. Ruch verzichtet auf Gott, ihm geht es eher darum, den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen, und da passt es ihm nicht, dass Darwin behauptet, die Entstehung des Menschen hätte möglicherweise etwas mit dem restlichen Leben auf unserem kleinen Planeten zu tun.

Die zweite toxische Idee ist die Wissenschaft an sich. Wieder geht es darum, dass mit der Vorstellung, der Mensch sei durch seine Gene/Hormone usw. definiert, eine Entzauberung des Menschen stattfindet.
Ruchs Vorwurf ist, dass Wissenschaft, den Menschen in gewisser Weise als Maschine betrachtet, zufällig entstanden und ohne höheren Sinn, verloren und bedeutungslos in einem unendlichen Universum, auf chemische Vorgänge des Körpers reduziert. Nun gut, das ist ein weites Thema, und es gibt vieles was man heute an der Wissenschaft kritisieren kann, nicht zuletzt ein Anspruch auf absolute Autorität, der durch den wissenschaftlichen Output und tatsächlichen Erkenntnisgewinn nicht immer gerechtfertigt ist. Ich muss gestehen, dass ich mich durch die Wissenschaft allerdings nicht beleidigt fühle, ich ärgere mich nur gelegentlich, dass denkbar banale Erkenntnisse als sensationelle Neuigkeiten verkauft werden, die Wissenschaft oft genug ihre eigenen ideologischen Grundlagen aus den Augen verliert und behauptet „objektiv“ zu sein, und dass Wissenschaft in letzter Zeit von allerelei Interessengruppen missbraucht wird. Wenn man eine Studie braucht, die die Unbedenklichkeit genmanipulierter Lebensmittel belegt oder dass es gut ist, fleißig Glyphosat auf Nutzpflanzen zu sprühen, muss man einfach nur die richtigen Leute bezahlen und so weiter. Das Thema ist aber etwas komplizierter als Ruch es darstellt.

Die dritte toxische Idee ist die Psychoanalyse im Allgemeinen und Freud im Besonderen. Ruchs Kritik an der Psychoanalyse ist eigentlich der Punkt, an dem es anfängt, ein bisschen gruselig zu werden. Irgendwann im Laufe der Lektüre, habe ich mir dann ein paar Zitate aufgeschrieben, weil es für mich relativ schwer wurde, gedanklich nachzuvollziehen, was der Mann mir da eigentlich erzählt. Also was sagt er?

„Bis Freud waren Leiden nicht etwas, das man zu behandeln, sondern etwas, das man wegzustecken hatte.“ (das „Wegstecken“ findet Ruch offenbar sehr gut)

„Sie (die Psychoanalyse) unterstellt, der Mensch sei schwach. Wer vorgibt, stark zu sein, bildet sich etwas ein.“ (ich kann nicht sehen, dass „die Psychoanalyse“ etwas derartiges behauptet)

„Nach Freud wagte niemand mehr, Gewalt über sein Leiden auszuüben.“ (Doch, das tun die meisten Leute dauernd)

„Es hat etwas Obszönes wenn Millionen Menschen damit beschäftigt sind, „sich selbst zu finden“, während fast eine Milliarde Menschen verhungern.“ (das eine hat mit dem anderen nun wirklich nichts zu tun.)

„Bevor wir uns in kritiklose Abnehmer der Impulskräfte des Unterbewusstseins verwandeln, sollten wir wissen, dass das Unterbewusstsein nicht gerade etwas ist, das über jeden Zweifel erhaben wäre. Auf keinen Fall bringt es uns Menschen der Sphäre der Göttlichkeit in irgendeinem Sinne näher.“ (kein Kommentar)

„Warum gibt es keine positive Psychotherapie, in der man die Vergangenheit nicht nach Schäden und Lasten, sondern nach Kräften und Glück absucht?“ (gibt es, das ist Teil von nahezu jeder Form von Psychotherapie)

„Die Lehre von der Selbstfindung ist obszön, weil sie alles ausschließt, was uns als Menschen inspirieren könnte.“ (ich sage einfach mal: das ist schlicht nicht wahr, es gibt auch keine „Lehre von der Selbstfindung“, die mir bekannt wäre – außer vielleicht Zenbuddhismus, Yoga und ähnliches, was aber mit Freud eher wenig zu tun hat)

Na gut, ich weiß gar nicht, ob ich Lust habe, das noch weiter zu kommentieren. Vielleicht sollte ich darauf hinweisen, dass weder Freud noch irgendein ihm folgender Psychoanalytiker Menschen so gesehen hat wie Ruch es darstellt. Aber nun gut, zusammenfassend kann man sagen, dass Herr Ruch Psychotherapie nicht so gut findet, und die Patienten, die sich an Psychotherapeuten wenden für Schwächlinge hält. So eine Haltung kann man natürlich haben, wenn man sich damit gut fühlt, es ist nur etwas befremdlich, das in einem Buch zu lesen, das vorgibt, die Flagge des Humanismus hoch zu halten.

Es scheint so, dass Ruch glaubt, Leute würden zum Therapeuten gehen, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Die überwältigende Mehrheit derjenigen, die die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen, tun das aber nicht aus Langeweile, sondern wegen ziemlich realer Probleme, die man genauso wenig „wegstecken“ kann wie einen Beinbruch. Ruchs Hasstirade gegen die Psychoanalyse steht dabei in einem seltsamen Widerspruch zu seiner Behauptung, dass er, wenn es ein Gebot gäbe, das sich alle hinter die Ohren schreiben sollten, „Du sollst helfen.“ wählen würde. Ja, einverstanden, allerdings würde ich behaupten, dass die meisten Psychotherapeuten genau das versuchen. Die Selbstermächtigung des Menschen, die Ruch anderswo im Buch predigt, ist eigentlich genau das, was die Psychoanalyse oder andere Therapieformen anstreben – wie gesagt, er sucht sich die falschen Feinde.

Sind Freuds Thesen kritisierbar? Allerdings, und es ist nun nicht so, dass nach Freud keine weitere Ausdifferenzierung des Unbewussten mehr stattgefunden hätte. Witzigerweise folgt Ruch mit seinen „toxischen Ideen“ Freud dabei eins zu eins, da Freud schon 1917 als die drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit die „kosmologische Kränkung“ (Kopernikus, hier die Wissenschaft), die „biologische Kränkung“ (Darwin) und die „psychologische Kränkung“ (Freud selbst) ausmachte. Ruch nimmt das alles ein bisschen zu persönlich und erhebt sein Gekränktsein zum allgemeingültigen Prinzip.

So, nachdem Philipp Ruch lang und breit seine Missverständnisse über diverse Ideen der Moderne zum Besten gegeben hat, frage ich mich natürlich, ob er vielleicht auch irgendwas gut findet. Ja, tut er. Zum Beispiel die Globalisierung. Dazu hat er zu sagen:

„Was ist so falsch an der Globalisierung, in der Menschen Handel betreiben und neue Märkte suchen, wie es schon die Hochkulturen der Antike getan haben?“

„Menschen wollen und müssen hassen. Aber allzu oft entscheiden sie sich für den altvorgedachten, schablonenhaften Widerstand. Das ist das Drama unserer Tage. Wir wiegen uns allzu sicher in einem Hass auf den Kapitalismus.“

Dieser Punkt kommt im Buch ziemlich weit hinten und wird nur relativ kurz abgehandelt, bevor Ruch sich wieder seinem Hass auf die Psychoanalyse zuwendet. Ich muss gestehen, dass ich spätestens bei Sätzen wie „Was ist so falsch an der Globalisierung?“ und „Menschen wollen und müssen hassen“, mich doch gefragt hab, in was für eine seltsame Ideologie ich da hineingeraten bin.

Es ist so, dass Ruch sich zu Recht über Waffenexporte an Diktaturen ärgert, aber irgendwie frage ich mich schon, wie er nicht auf die Idee kommt, dass das möglicherweise doch etwas mit Kapitalismus und einem Gewinnstreben ohne Rücksicht auf Verluste zu tun haben könnte. Falls sich dieser Gedanke in sein Gehirn geschlichen hat, sagt er ihn nicht. Er sagt:

„Die drei größten Massenmörder der Geschichte waren sich einig im Kampf gegen den Kapitalismus.“

Wir sollen für den Kapitalismus und die Globalisierung eintreten, weil Stalin dagegen war? Genauso gut könnte man fordern, dass jeder so viel Fleisch essen soll wie möglich, weil Hitler sich vegetarisch ernährt hat.

Gut findet Ruch auch die Antike. Er hat allerdings ein Problem mit dem Orakel von Delphi: „Der delphische Orakelspruch sollte nicht Erkenne dich selbst! lauten, sondern Bezeichne dich selbst! Bezeichnen ist immer schon interpretieren.“ Nimm das, Delphi! Nun gut, Selbsterkenntnis ist für Ruch grundsätzlich verdächtig, insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass er glaubt, das Orakel von Delphi schulmeisterlich korrigieren zu müssen.

Das dritte, was Ruch toll findet, ist, wenig überraschend, Schönheit, auch wenn diese Vorliebe in einem offensichtlichen Widerspruch steht zu der Negativität, die er über weite Strecken des Buches verbreitet.

Schönheit ist für ihn dabei vor allem ein überwältigendes Erlebnis, ein Erlebnis, das so großartig ist, dass danach nichts mehr ist wie es war. Für Ruch sind die meisten von uns nicht in der Lage, so ein Erlebnis zu haben, weil wir von den toxischen Ideen der Moderne und unserer Kapitalismuskritik verblendet und verödet sind. Aber eine schöne Aktion habe zumindest potentiell die Kraft, uns aus dem toxischen Umfeld unserer geistigen Verrohung in einen Zustand von ich weiß auch nicht was zu katapultieren. Ruch spricht dann blumig vom „Erdbeben der Schönheit“ und so weiter. Ja, er macht es einem nicht leicht, ihn ernst zu nehmen. Aber hier schließt sich wieder der Kreis zu meiner Ausgangsfrage. Ich bin überzeugt, dass für einen normalen Durchschnittsbürger des dritten Reichs der Nürnberger Parteitag ein „Erdbeben der Schönheit“ ausgelöst hat. Nun wendet sich Ruch ausdrücklich gegen Diktaturen und verteidigt hartnäckig und tapfer die Demokratie, die Menschenrechte überall und für jeden, aber nichtsdestotrotz dienen die Inszenierungen von Macht, die man in Diktaturen vorfindet, genau dem gleichen Zweck, den Ruch der Schönheit zuspricht: eine Überwältigung des Zuschauers oder des Teilnehmenden. Natürlich ist es ein Unterschied, für welche Inhalte man diese Mittel benutzt, aber ein gewisses Unbehagen bleibt dennoch.

Nun gut, was bleibt zu sagen? Ich für meinen Teil finde die Ideen der Moderne eigentlich ganz gut, auch wenn es da natürlich, wie in allen Bereichen des Lebens, gelegentlich Holzpfade gibt. Aber ich sehe nichts Schlechtes daran, nach Erkenntnis zu streben. Ich sehe nichts Schlechtes daran, wenn sich die Menschen nicht mehr für den Mittelpunkt des Universums halten. Ich sehe nichts Schlechtes daran, sich auf die Suche nach so etwas wie einem authentischen Selbst zu machen, sondern halte das für ein lohnendes Abenteuer. Ich halte es für unbedingt notwendig, den Kapitalismus zu kritisieren und darüber zu diskutieren, wie man unser Wirtschaftssystem menschenfreundlicher gestalten kann. Ich glaube nicht, dass die Ideen der Moderne, die Ruch kritisiert, dafür verantwortlich sind, dass das Leben heute vielen Leuten schwer fällt.

Schade. Das Buch wäre eine Gelegenheit gewesen, die Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ auf eine theoretische Grundlage zu stellen. Aber wenn das Buch diese Grundlage sein soll, will ich lieber nichts damit zu tun haben.

Cie. Toula Limnaios – Minute Papillon

Dezember 10, 2015

Das neue Stück von Toula Limnaios befasst sich, so kann man im Programmheft lesen, mit dem Thema „Zeit“. Das Thema ist vergleichsweise allgemein gehalten, für den Zuschauer sind Themenhinweise meistens vor allem eine Einladung, ein Stück auf ein bestimmtes Thema hin zu betrachten, das bei der Arbeit am Stück vermutlich eine Rolle gespielt hat.

Wenn es so ein Thema gibt, stellt mein Gehirn vor der Auffürung mehr oder weniger automatisch eine kleine Liste zum Thema her. Also Zeit: wird von uns allgemein als gerade Linie wahrgenommen, auf der gibt es einen winzigen Punkt, der sich unaufhörlich von der Vergangenheit in die Zukunft bewegt. Diesen Punkt nennen wir Gegenwart. Andere Leute sagen, dass die Zeit in Wahrheit nicht linear ist, sondern irgendwie anders aussieht, aber unsere Wahrnehmung der Zeit ist so: unaufhörlich fortschreitend. Einstein hat die Idee der „Raumzeit“ eingeführt. Wenn ich es richtig verstanden habe, heißt „Raumzeit“, dass Raum und Zeit in Wahrheit das gleiche sind. Manche Leute sagen, dass die Zeit zirkulär verläuft oder wie eine Spirale. Man kann die Auswirkungen der Zeit sehen, Veränderungen, aber die Zeit selbst ist unsichtbar, deshalb sind unsere Vorstellungen von der Zeit entweder mathematische Formeln oder mehr oder weniger poetische Metaphern.
Die stärkste Metapher ist dabei vermutlich das Uhrwerk, das durch eine immer gleichbleibende, sich wiederholende Bewegung Zeit repräsentiert, und damit unserem Leben einen Rhythmus gibt, der scheinbar objektivierbar und für jeden gleich ist. Dabei ist das Uhrwerk nur eine Methode, die unsichtbare Zeit zu messen. Es gibt andere Methoden, die Sonnenuhr (der das bekannte Ziffernblatt der meisten marktüblichen Uhren nachempfunden ist) oder der Sanduhr. Auf der gemessenen Zeit läuft dann unser Leben gewissermaßen als Verzierung oder Melodie ab. Und damit ist man dann schon relativ nah an „Minute Papillon“.

Oder an jedem anderen Phänomen des wachen Lebens, unter das wir mit großer Konsequenz das unendliche Ticken der Uhren gelegt haben. Die unbarmherzige Objektivität der Uhr widerspricht dabei für gewöhnlich unserem Zeiterleben. Ich habe „Minute Papillon“ zweimal gesehen und das Stück war beim zweiten mal kürzer als beim ersten mal. Nicht für eine Uhr, aber für mich. Die Erfahrung ist alles andere als ungewöhnlich, je nach Stimmung vergeht die Zeit langsamer oder schneller und man kann sich dann darüber streiten, ob die Uhr recht hat oder man selbst. Behauptet man, die Uhr habe recht, ist das letztlich eine fragwürdige Mehrheitsentscheidung, denn, wenn man ehrlich ist, erlebt jeder Zuschauer in jedem Theaterstück oder in jedem Moment des Lebens eine völlig andere, individuelle Zeitspanne. Wenn ich vor der Halle Tanzbühne stehe und darauf warte, dass das Stück beginnt, vergeht die Zeit für mich mutmaßlich langsamer als für die Gruppe junger Damen, die munter plaudernd ein paar Meter entfernt wartet, weil ich alleine rumstehe und nichts zu tun habe.

Wie dem auch sei, wenn man dann den Bühnenraum betritt und sich an einen freien und mehr oder weniger geeigneten Platz gesetzt hat, sind die Tänzer und Tänzerinnen bereits auf der Bühne und stehen an, um Erde in einen Eimer zu füllen. Der Bühnenraum selbst besteht aus einem Gerüst, so halb rechts, ist sonst zum größten Teil mit Erde bedeckt, zum kleineren Teil mit Kunstrasen. Das Erdthema spielt in diesem Fall wohl auf eine andere Besonderheit der Vergangenheit im Verhältnis zur Gegenwart an, nämlich, dass die Vergangenheit mit der Zeit auf diesem Planeten allmählich von Erde oder Wasser verborgen und schließlich zersetzt wird, so dass sie nur, wenn man früh genug dran ist, durch archäologische Bemühungen teilweise rekonstruiert werden kann. Auf der Bühne finden sich in den Erdschichten ein paar Schuhe und ein Kopfkissen, beides, vom Dreck befreit, in sehr gutem Zustand.

Das Vonderzeitverschüttetwerden vollzieht sich allerdings anders als ein Uhrwerk, nämlich meistens durch mal mehr mal weniger dramatische Naturereignisse, wie Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben oder Vulkanausbrüche. Die Tanzenden selbst sind diesem Erosionsprozession in der Aufführung häufig ausgesetzt, weil Hironori Sugata sie häufig mit Erde bewirft. Und so stehen die Tänzer am Ende ziemlich erdverschmiert da, konnten sich aber gegen das Verschüttetwerden erfolgreich wehren, weil sie eben die meiste Zeit getanzt haben.
Die unterschiedlichen Formen der Zeitwahrnehmung spielen in „Minute Papillon“ dann eine ziemlich große Rolle. Zum einen haben wir es gelegentlich mit sich wiederholenden Bewegungen eines Uhrwerks zu tun – wenn Katja Scholz und Leonardo d’Aquino sich wie ein Uhrpendel an den Armen hin und herziehen, oder wenn alle Tänzer in abgehackten, kleinen Trippelschritten über die Bühne laufen, was an die Stopmotion Technik aus der Filmanimation erinnert, und an ein Uhrwerk, denn ein mechanisches Uhrwerk vollzieht ja keine fließende Bewegung, sondern macht eine Bewegung, verharrt dann und springt dann zur nächsten Sekunde vor. Einen ähnlichen Effekt hat, zumindest potentiell, das einmal eingesetzte Stroboskoplicht, das Bewegungen zerhackt. Es scheint so zu sein, dass wir mit Zeit doch oft die stolpernde Bewegung des Sekundenzeigers verbinden, als würde Zeit eher durch Zeitlöcher sichtbar, wie das Verharren des Sekundenzeigers, bevor er vorwärts springt das eigentliche Bild dafür ist, dass Zeit gerade vergeht. Die Uhr ist offensichtlich eine sehr erfolgreiche Erfindung, wenn es darum geht, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen oder wenigstens zu illustrieren.

Nun ist die Uhr ein Aspekt der Zeit, der für unser Leben von Bedeutung ist, weil Uhren eine Art Zeitkonsens herstellen, der sinnvoll ist, wenn man Verabredungen trifft oder öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Aber die Uhr verschweigt viele andere Möglichkeiten, Zeit wahrzunehmen und in der Zeit zu sein. In Minute Papillon, wird das gleichmäßige Ticken der Uhr nur gelegentlich anzitiert, während es meistens um andere Fragen geht.
Der Titel selbst ist wohl eine französische Redewendung, eine Aufforderung, kurz inne zu halten. Ein Moment der Ruhe im ständigen Fortschreiten der Zeit. Es ist ja schon erstaunlich, dass Momente der Ruhe in der Zeit überhaupt möglich sind. Das Innehalten ist eigentlich ein kleines Wunder, das höchst selten stattfindet. Sowohl bei Katja Scholz und Leonardo d’Aquino als auch bei Karolina Wyrwal und Daniel Afonso (die zwei auffälligen Paare des Abends), gibt es Szenen, in denen der eine Tänzer den anderen durch gesprochene Befehle über die Bühne treibt. Das Innehalten findet da vielleicht statt, wenn ein Befehl wie „Hug me“ ausgeführt, und in der folgenden Umarmung für eine halbe Sekunde Ruhe gefunden wird.

Dennoch drängen sich die Momente des Innehaltens an dem Abend nicht unbedingt auf, so dass ich irgendwann den Verdacht hatte, für Tänzer könnten diese Momente anders aussehen als für Nichttänzer. Während ich mit „Innehalten“ vor allem Ruhe, Stillstehen und Alleinsein verbinde, mag es sein, dass Tänzer diese Ruhe in der Bewegung finden und das Alleinsein auch keine Bedingung dafür ist. Das Innehalten selbst ist ja ein Zustand, in dem man sich entweder aus dem unendlichen Zeitstrom ausklinkt und der Zeit von einem neutralen Standpunkt aus beim Vergehen zuschaut; oder wir haben es mit einem Zustand zu tun, in dem man sich für eine Weile konsequent in der Gegenwart aufhält, also mit dem Zeitfluss völlig synchron ist und Vergangenheit und potentielle Zukunften betrachten kann, ohne davon bestimmt zu werden.

Am ehesten sehe ich das an dem Abend bei Karolina Wyrwal, die zwei Duette mit Daniel Afonso hat. Das erste Duett ist eine Art Kontaktimprovisation, wobei der Kontaktpunkt der Körper die Lippen sind, eine Art lang gedehnter Kuss. Da dabei getanzt wird, eröffnet sich dann eine Vielzahl möglicher Sichtweisen. In einem Stück über Beziehungen würde man in dem Duett möglicherweise eine Nähe/Distanz Problematik sehen. Die Tänzer winden sich aus dem Kuss heraus, aber sobald sie den Kontakt verlieren, versuchen sie den Moment möglichst schnell wieder herzustellen. In einem Stück über Zeit mag man darin vielleicht eher sehen, dass die beiden sich gegen das Vergehen des Moments wehren, dass sie versuchen, die Zeit hier anhalten zu lassen, aber da die Bewegung nicht aufhört, kann man den Erfolg bezweifeln.
Im zweiten Duett klebt Afonso Karolina Wyrwal anfangs Augen und Mund zu, und dirigiert sie dann durch gesprochene Anweisungen über die Bühne, fängt sie auf und achtet darauf, dass sie nicht ins Publikum oder vor die Wand läuft. Dass Augen und Mund verschlossen sind, hat dabei einen seltsamen Effekt, weil das zunächst mal den Eindruck von Alter erweckt. Also Karolina Wyrwal wirkt da so, als sei sie tausend Jahre alt, und sie ist natürlich darauf angewiesen, dass ihr Partner ihr verlässliche Anweisungen gibt. Abgesehen davon, dass hier dann das Zeitthema schlechthin – Vergänglichkeit, Alter und Tod – zum Ausdruck kommt, mag man vielleicht eine Ahnung davon bekommen, was das Innehalten auch sein kann, nämlich das Abgeben von Kontrolle oder Kontrollieren Wollens, ein Moment, in dem einfach alles so sein darf, wie es ist.

Für so einen Zustand muss der Körper nicht notwendigerweise stillstehen. Das Stück endet dann damit, dass Karolina Wyrwal allein tanzt, während ihr die übrigen Tänzer zuschauen. Im Solo – immer noch mit verschlossenen Mund und Augen – scheint Wyrwal dann ganz bei sich zu sein, allein, aber ob es sich dabei um den gesuchten Moment des Innehaltens handelt, vermag ich nicht zu sagen. Für mich als Nichttänzer liegt die Interpretation näher, dass das „Innehalten“ im Stück eher eine Utopie ist, die nicht erreicht wird, obwohl sie eigentlich möglich ist, auch in einem Tanzstück.

Die Frage ist, ob das Innehalten an dem Punkt nicht eher ein Zustand ist, der im individuellen Erleben der Tänzer auf der Bühne und/oder der Zuschauer selbst liegt, und dass „Minute Papillon“ selbst diesen Zustand nicht bereitstellen kann oder will. Das allein ist natürlich schon ein Statement.

Nun gut, so weit komme ich im Moment mit dem Stück, wenn ich die Zeitbrille aufsetze. Es wäre sicherlich interessant, sich das Stück anders anzuschauen und herauszufinden, worum es geht, wenn man das Stück ohne an das Thema zu denken betrachtet. So oder so handelt es sich um einen interessanten und sorgfältig und sinnig durchstrukturierten Abend.

Hier kann man sich auch einen Eindruck verschaffen. Seltsamerweise liegt die französische Syncho darüber, aber das ist natürlich auch eine gute Gelegenheit, ein wenig am eigenen Französisch zu arbeiten.

Cie. Toula Limnaios – Wut

August 9, 2015

Wut wurde nach meinem Kenntnisstand 2012 uraufgeführt. Ich habe das damals auch gesehen, glaube ich, weiß aber nicht genau, ob ich darüber berichtet habe (irgendwie kriege ich es nicht hin, meinen eigenen Blog nach Beiträgen zu durchsuchen – bei Gelegenheit muss ich doch mal schauen, ob es ein „Wordpress Theme“ mit Suchfunktion gibt).

Wut jetzt wieder aufzunehmen scheint mir angebracht, weil das Stück eher aktueller geworden ist, zumindest kommt es mir so vor, dass mir das Gezeigte diesmal mehr gesagt hat als vor drei Jahren. Nichtsdestotrotz ist „Wut“ nicht unbedingt mein Toula Limnaios Lieblingsstück.

Vielleicht liegt das daran, dass ich das Gefühl der Wut als Reaktion auf die Welt nicht unbedingt teile. Meine Reaktion ist mehr und mehr Resignation. Der Underground Autor (gibt es sowas noch?) Jason Louv (oder hier) hat in einer als Buch veröffentlichten Sammlung eigener Blogbeiträge die Optionen so umrissen: Da der Planet die stetig wachsenden Menschenmassen nicht mehr lange wird am Leben erhalten können, wird es entweder ein wie auch immer herbei geführtes Massensterben in großem Stil geben (sei es durch natürliche Feinde wie bösartige Bakterien, die aktuell stattfindende Klimakatastrophe – hallo Kalifornien! – oder menschliche Gewohnheiten wie Krieg, Gleichgültigkeit und Gewinnstreben); oder man macht sich daran, das Weltall als alternativen Lebensraum zu erobern. Für letzteres werden in letzter Zeit eher keine Anstrengungen unternommen, während die Gemeinschaft der Völker fleißig an der unerquicklichen ersten Möglichkeit arbeitet.

Während Jason Louv fleißig für die Eroberung des Weltalls die Werbetrommel rührt, sehe ich nicht, dass die technischen Möglichkeiten dafür auf absehbare Zeit entwickelt werden, noch dass irgendwo der Willen erkennbar wäre, das Problem dieser Lösung zuzuführen. Die glorreichen Zeiten der Space Race sind lange vorbei – und eine Renaissance dieser hoffnungsvollen Zukunftsvisionen ist nicht in Sicht.

Also Resignation. Vielleicht gibt es mittelfristig noch eine dritte Möglichkeit, die aber ein globales Ausmaß an Vernunft voraussetzen würde, das jeder Erfahrung widerspricht. Wer das nicht glauben will, sei eingeladen, sich einfach mal einen Tag lang im Deutschlandfunk die Nachrichten anzuhören.

So weit so gut. Was kann Tanz also machen? Ich würde behaupten, dass die meisten Tanzvorstellungen, die man so sieht einen Rückzug ins Private propagieren oder eine Form von utopischem Eskapismus – solange die Leute noch tanzen kann es ja nicht so schlimm sein, nicht wahr?

Nun, doch es kann so schlimm sein, obwohl die Leute tanzen. Es gab ja auch folternde Nazis, die gerne Schubert und Beethoven gehört haben. Dass Psychopathen grundsätzlich psychopathische Musik hören, psychopathische Bücher lesen, psychopathische Filme schauen und psychopathische Computerspiele spielen, ist eine der dümmlichsten Irrtümer des sogenannten Establishments (tatsächlich kann der Konsum „psychopathischer“ Kunst auch eine durchaus gesunde, sozial verträgliche Art sein, dem eigenen Schatten ein wenig Raum zu geben).

Es ist ein Zeichen der menschlichen Natur, zu maximaler Selbstzersplitterung fähig zu sein und sich selbst krasseste Widersprüche schön zu reden. Natürlich kann irgendein Psychopath Folter zur Kunstform erheben – darüber gibt es einen Haufen Filme (alle Teile der „Saw“-Reihe zum Beispiel) – und am Abend eine Tanzperformance darüber machen, wie sehr ihn der harte Job, stundenlang andere Leute mit Waterboarding und Stromschlägen zu bearbeiten, belastet.

Also was tut man als Kunstschaffender, um diesem Dilemma irgendwie zu entgehen. Der geschickteste Schachzug von Toula Limnaios ist vermutlich, irgendwann gegen Ende des Stücks die Strukturen des Tanzes selbst zum Thema zu machen. Da bekommt eine Tänzerin (Inhee Yu) Anweisungen von einer anderen Tänzerin (Karolina Wyrwal), und die Anweisungen werden befolgt.

Gehorsam ist eben auch ein Teil des Tanzes und sicher ein Teil des Problems. Die Interpretationsmöglichkeiten hier sind vielfältig aber nicht beliebig. Man kann die Rolle von Inhee Yu als Befehlsempfängern auf alle erdenklichen Arten interpretieren. Die Struktur ist klar: sie befolgt die Anweisungen, weil sie irgendetwas will, in dem Fall möglicherweise der Kunst dienen, als Tänzerin so gut wie möglich aussehen, vielleicht nur ein freundliches Wort von Karolina Wyrwal (man unterschätzt gelegentlich die Macht und die Sehnsucht nach Freundlichkeit) usw.
Man kann das übertragen auf, sagen wir, einen Flüchtling, der alle möglichen Befehle befolgt, um irgendwo fern der Heimat am Leben bleiben zu dürfen. Man kann das übertragen auf, sagen wir, einen Hartz 4 Empfänger, der, dank der rot/grünen Schröder/Fischer Regierung unsinnige Fortbildungen absolvieren und unsinnige Bewerbungen für unwürdige Jobs abschicken soll (Grundgesetzt hin oder her), um zu verhindern, dass ihm die Bezüge gekürzt werden, die auch so kaum zum Überleben reichen.

In der Cie Toula Limnaios ist die Situation vermutlich so: es ist für einen Tänzer durchaus ein Glück, da beschäftigt zu sein, weil es eben einen vernünftigen Vertrag und eine sichere Bezahlung gibt, über deren Höhe ich allerdings nicht informiert bin. Also wird der Tänzer gefälligst tun, was die Choreographin sagt und er/sie wird es so gut tun, wie es irgend geht, um eben diesen Job nicht zu verlieren. Es ehrt Toula Limnaios, dass sie das Problem in diesem Tanzstück thematisiert. An dieser Stelle, mehr als überall sonst im Stück, wird die Falle sichtbar.

Die Falle ist den Strukturen selbst eingeschrieben und ein Dilemma, das man in Kunstdisziplinen, in denen es darum geht, gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen, häufig antrifft. Nämlich hierarchische Strukturen und es ist eine Herkulesaufgabe der zeitgenössischen Tanz und Performanceszene, diese hierarchischen Strukturen zu überwinden und trotzdem am Ende etwas interessantes auf die Bühne zu bringen. Die Stelle in Wut spricht aber von einer gewissen Abscheu gegen Autorität auch im eigenen System.

Wenn man so will ist diese kleine Stelle im Stück, eine ziemlich niederschmetternde Analyse der Situation aus der Täterperspektive. Während der Rest des Stücks mehr oder weniger die Darstellung von unerträglichen Verhältnissen ist, die wir aus den Nachrichten kennen – sagen wir Abu Guhraib, Sweat Shops in der Kleidungsindustrie und so weiter – wird es hier etwas näher und direkter.

Und nein, es gibt keine Lösung. Das Problem ist, wie man so schön sagt, strukturell. Und politisch gewollt. Wenn man die Leute dazu zwingt, um ein erträgliches Leben kämpfen zu müssen, hält man sie davon ab, sich um eine andere Gesellschaft zu bemühen. Es gibt ja angeblich Umfragen (es gibt zu allem Umfragen) wonach sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland ein „menschlicheres“ Wirtschaftssystem wünschen. Aber das bestehende Wirtschaftssystem hält sie natürlich wunderbar davon ab, diesem Wunsch den nötigen Nachdruck zu verleihen – stattdessen zündet man Asylantenheime an und lässt seine ohnmächtige Wut wie immer an denen aus, die noch schwächer sind als man selbst. Und wie immer liegt man damit so falsch, wie man nur falsch liegen kann.

Meine Resignation ist auch das Ergebnis einer Langeweile. Pfff, machen wir doch einfach wieder den gleichen Scheiß wie vor 80 Jahren, was damals nicht funktioniert hat, wird ja heute auch nicht funktionieren. Schlägernde Nazibanden, brandschatzende Wutbürger sind einerseits natürlich beängstigend, aber mehr als das sind sie unerträglich langweilig.

Wie wenig muss man in der Schule aufgepasst haben, um zu wissen, dass man da gerade totalen Unfug veranstaltet, der zu keinem irgendwie zufrieden stellenden Ergebnis führen wird. So wie der Israel/Palästina Konflikt langweilig ist, weil sich seit fünfzig Jahren da keine Sau mal irgendeine fantasievollere, buntere, freundlichere Variante einfallen lässt als Gewalt. Das mit der Gewalt kann man ja mal probieren, aber wenn man nun seit Jahrzehnten bewiesen bekommt, dass das nicht die Bohne funktioniert, könnte man sich ja mal was anderes überlegen. Die Phantasielosigkeit in der Mainstream Politik wäre vielleicht kein Problem, wenn sie nicht immer zu Gewaltexzessen führen würde. Aber so, wie sich die Sache im Moment präsentiert ist es ein Problem und nicht nur im Nahen Osten.

Vielleicht ist das das eigentlich bedrückende an dem Abend: die Wut ist eine ohnmächtige Wut über das „Unmenschliche“ an der Menschheit (und man kann natürlich argumentieren, dass auf die Schwächeren einzuschlagen und sich gegenseitig zu foltern und abzuschlachten seeeehr menschlich ist, leider, Mitgefühl ist eine Qualität, die man in der Schule leider nur zufällig lernt). Ohnmächtige Wut ist vermutlich das Gefühl, das im Moment in der Welt am häufigsten anzutreffen ist. Es ist relativ nah an meiner Resignation. Es führt dazu, dass Leute nicht mehr zu Wahlen gehen, es führt dazu, dass man sich nicht wehrt gegen die Unsummen, die unser geliebter Staat dafür ausgibt, alberne Zinsen abzuzahlen (statt sich für eine globale Entschuldung einzusetzen, die eh früher oder später bestenfalls per Hyperinflation und Währeungsreform kommt), uns zu überwachen oder Handelsabkommen abzuschließen, die Hypergesetze festschreiben, die jede zukünftige Regierung wirtschaftspolitisch handlungsunfähig machen – meiner Meinung nach das Hauptproblem von TTiP: Angenommen es gibt in diesem Land irgendwann eine Mehrheit für ein „menschlicheres“ Wirtschaftssystem und es gibt eine Partei, die das auf dem Zettel hat und sonst nicht übermäßig viel Unfug erzählt – wäre eine Regierung überhaupt in der Lage dann eine solche Wirtschaftspolitik ins Werk zu setzen? Das ist wohl damit gemeint, wenn die TTIP Kritiker sagen, dass damit die Demokratie durch das Wirtschaftssystem ausgehebelt wird. Weniger optimistische Geister sagen, dass diese Machtablösung längst stattgefunden hat.

Also unterzeichnet man eine Online Petition oder macht ein Tanzstück zum Thema und weiß doch gleichzeitig, dass man Teil des Systems ist, das man kritisiert. An dem Punkt ist dann Toula Limnaios „Wut“ sehr viel intelligenter und ehrlicher als zum Beispiel Hofesh Shechters „Sun“ (mit ähnlichem Thema), weil Toula Limnaios weiß, wie schwer es ist, ein Problem zu lösen, zu dem man selbst beiträgt. Viel ehrlicher kann man das eigentlich nicht machen. Und man kann dagegen sein, obwohl man Teil davon ist. Man kann wütend sein, weil man dazu gezwungen wird, Teil davon zu sein.

Oder weil es sehr schwer ist, nicht Teil davon zu sein: Ich höre gerade Musik auf i-tunes, das zu einer Firma („Apple“) gehört, die gnadenlos Arbeiter in China ausbeutet, ich habe dieser Firma relativ viel Geld durch das Erwerben von Musik/Filmen/Fernsehserien zukommen lassen. Ich schäme mich dafür, das ändert aber nichts an der Tatsache. Man gewöhnt sich an die Scham und resigniert. Meine Alternative ist Amazon, eine Firma, die mit allen möglichen (legalen) Tricks das Zahlen von Steuern und anständigen Löhnen vermeidet. Ich habe auch schon Kakao von Nestlé getrunken, dessen lachhafter Cacao Gehalt von Kindersklaven (einfach googlen und man wird so viele Beiträge zum Thema finden, dass einem schlecht wird) in der Elfenbeinküste erarbeitet wurde, worüber der Konzern ein paar lächerliche Krokodiltränen vergießt. Was sind meine Alternativen? Sie sind rar und nicht besonders gut. Ich habe es in schlechten Momenten aufgegeben, ein richtiges Leben führen zu können. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Adorno hätte vermutlich auch nicht gedacht, wie recht er damit hatte.

Aber jetzt reicht’s mit der Jammerei: Wo Hofesh Shechters „Sun“ „Wut“ überlegen ist, ist die große Geste, der Bombast, mit dem das Ganze daher kommt. Und so habe ich gelegentlich das Gefühl, dass die „Kleinheit“ des Stücks der Größe des Themas nicht unbedingt angemessen ist. „Wut“ ist am Ende ein relativ normales Toula Limnaios Stück. Es gibt relativ harte Stellen, die überzeugen, wie der gesichtslose „Gefangene“, dessen Kopf lautstark gegen eine Art milchig durchscheinende Platte geschlagen wird, die drei Tänzerinnen, die einen riskanten Tanz im Sitzen mit teilweise scharfkantigen Steinen ausführen, aber im allgemeinen kommt mir das Stück eher zu wenig ambitioniert vor. Vielleicht auch zu wenig wütend, insofern würde ich mir eher wünschen, dass Toula Limnaios bei Gelegenheit an dem Thema dran bleibt und ein Werk mit größerer Geste und größerer formaler/dramaturgischer Geschlossenheit dazu macht (was auch immer das heißen mag).

So scheint es gelegentlich ein bisschen so, dass vor allem Bebilderungen gesucht und gelegentlich gefunden werden, die das Thema irgendwie illustrieren, während die wirklich zwingenden Stellen für mich doch rar gesät sind, und insgesamt der dramaturgische Bogen ein wenig zu wünschen übrig lässt (na gut, das kann ich über jedes zweite Tanzstück sagen).

Naturgemäß lohnt es sich trotzdem, sich das Stück anzuschauen. Für mich hat sich das zweite mal Schauen gelohnt, da das Stück, wie gesagt, heute eher aktueller ist als vor drei Jahren. Es gibt trotzdem noch Luft nach oben, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Und ich habe mal Gelegenheit meinen unausgegorenen Frust über diverse politische Themen abzulassen.